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      Date: May 18, 2013
     Title: Die Frauen der Klagemauer
ES GAB einmal einen israelischen Mann, der von Zeit zu Zeit ein Blatt Papier nahm und dieses in die Spalten zwischen die Steine an der Klagemauer (Westmauer) legte und Gott so um Vergünstigungen bat – wie es Juden seit Jahrhunderten taten. Sie glauben, dass die Himmelstore direkt über der Mauer sind und so die Nachricht bzw. Bitte schnell ihr Ziel erreicht.

Die Frauen der Klagemauer

 

Uri Avnery

ES GAB einmal einen israelischen Mann, der von Zeit zu Zeit ein Blatt Papier nahm und dieses in die Spalten zwischen die Steine an der Klagemauer (Westmauer) legte und Gott so um Vergünstigungen bat – wie es Juden seit Jahrhunderten taten. Sie glauben, dass die Himmelstore direkt über der Mauer sind und so die Nachricht bzw. Bitte schnell ihr Ziel erreicht.

Der Mann fragte sich immer, was all die anderen Bittsteller sich wohl vom Allmächtigen erbaten. Eines Tages machte ihm seine Neugierde so zu schaffen, dass er sich in den frühen Morgenstunden an die Klagemauer schlich, alle Papierstücke herausholte und sie sich näher ansah. Alle waren abgestempelt mit: „Bitte abgelehnt“.

Dieser Witz ist typisch für die Haltung sehr vieler Israelis gegenüber dem Bauwerk, das alle paar Monate einen politischen und religiösen Krawall verursacht.

 

NUN GESCHIEHT es wieder. Eine Gruppe feministischer jüdischer Frauen (natürlich meist amerikanischen Ursprungs) bestehen darauf, an der Klagemauer zu beten und zwar mit Gebetsschal (Talith) und den Gebetsriemen (Tefellin). Sie werden physisch von den Orthodoxen angegriffen, die Polizei musste sie in Schranken halten, die Knesset und der Gerichtshof intervenieren.

Warum? Nach dem jüdisch religiösen Gesetz ist es Frauen nicht erlaubt, einen Gebetsschal zu tragen und sicher keine Gebetsriemen, die orthodoxe Männer an ihrer Stirn und am Vorderarm tragen. Es ist ihnen auch nicht erlaubt, am heiligsten Platz des Judentums sich unter Männer zu mischen.

Der Teil der Klagemauer, der fürs Beten bestimmt ist, ist 60 Meter lang. 12 Meter sind - durch einen niedrigen Zaun getrennt – für Frauen reserviert.

Es scheint, dass die meisten Religionen von Sex besessen sind. Sie setzen voraus, dass wenn ein religiöser Mann eine Frau sieht - egal wie alt sie ist und wie sie aussieht - er abgelenkt wird und sich nicht auf anderes konzentrieren kann. Logischer Weise müssen Frauen also versteckt werden

Die „Frauen der Klagemauer“, von denen viele gar nicht religiös sind, wollen dieses Tabu durch eine Provokation brechen. Dabei sind wir jetzt.

 

ZWEI JAHRE vor der Gründung des Staates Israel ging ich zum ersten Mal an die Klagemauer, um sie mir anzusehen. Es war ein bewegendes Erlebnis.

Um an den Platz zu kommen, musste man durch ein Gewirr enger arabischer Gassen. Schließlich befindet man sich selbst in einer engen Enklave, die etwa drei Meter breit ist. Zu deiner Linken ist die Mauer – ein Ehrfurcht gebietendes monumentales Bauwerk, dass aus riesigen Steinen besteht. Um den oberen Rand zu sehen, muss man sich zurücklehnen und gen Himmel schauen.

Auf der andern Seite war eine viel kleinere Mauer, hinter der das alte arme Mugrabi (marokkanische)- Viertel lag.

Sehr wenig Leute wissen - oder wollen wissen – dass diese Enklave nicht durch Zufall entstanden ist. 1516 wurde Jerusalem vom zur Weltmacht aufsteigenden ottomanischen Empire erobert, das in jener Zeit eines der modernsten und fortschrittlichsten Staaten war. Bald danach baute der Sultan Suleiman der Prächtige die großartige Stadtmauer Jerusalems, wie sie heute noch steht, ein riesiges, teures Werk, das die immense Verehrung der ottomanischen Türken zu dieser entfernten Stadt in ihrem Reich bezeugt. Suleimans Hauptarchitekt war Sinan, der auch das Damaskustor entwarf, das viele Leute (einschließlich mir) als den schönsten Bau im ganzen Land ansahen. ( arabisch : Bab el-Amud, Säulentor).

Der wohlwollende Sultan erteilte Sinan noch die Anweisung, einen speziellen Gebetsplatz für die Juden der Stadt zu schaffen. Also schuf der Architekt diese eingefriedete Stelle an der Klagemauer. (nicht zu verwechseln mit der Stadtmauer). Um die Mauer noch höher zu machen, setzte er den Boden der Gasse noch tiefer und setzte parallel die niedrige Mauer, die sie von der Umgebung absetzte. (Jeder, der an der Geschichte interessiert ist, ist gut beraten, das Buch „Jerusalem“ von Karen Armstrong zu lesen, eine britische Historikerin und Ex-Nonne).

Die Legende sagt, dass, als die Stadtmauer mit all ihren 34 Türmen und sieben Toren 1541 fertig war, der Sultan so von ihrer Schönheit überwältigt war, dass er den Architekten töten ließ. Er wollte nicht, dass er noch so etwas baut, das mit ihm im Wettbewerb stehen könnte.

 

BIS DAHIN war der Gebetsort für die Juden nicht die Klagemauer.

Jüdische Pilger aus aller Welt kamen nach Jerusalem und beteten oben auf dem Ölberg, von wo man den Tempelberg überschauen kann. Aber diese Heilige Stätte war unsicher geworden, weil, während das vorausgegangene Mameluken-Empire sich auflöste, umherziehende Beduinen die Pilger ausraubten. Auch für die lokalen Juden, die friedlich mit den Muslimen in der Stadt lebten, war die Klagemauer näher an ihren Wohnungen. So wurde der heilige Ort auf dem Ölberg verlassen. Heute steht ein Luxushotel dort oben.

Seit damals ist die Klagemauer der heiligste Ort für die Juden in aller Welt, ein Ort, wo sich an heiligen Tagen große Mengen versammeln: Armee-Einheiten gegenüber dem Staat Israel Treue schwören, reiche Juden aus aller Welt ihre Söhne zur Bar Mitzwa bringen und die Frauen der Klagemauer den letzten Krawall auslösten.

Aber im Grunde gibt es nichts Heiliges an der Mauer. Sie wurde von König Herodes, einem großen Erbauer und blutrünstigen Monster, der nicht einmal ein richtiger Jude war, erbaut. Er gehörte dem edomitischen Volk an, das erst kurz zuvor zwangsweise zum Judentum konvertiert wurde. Ich bezweifle, ob der gegenwärtige Oberrabbiner ihn überhaupt als Juden anerkannt haben würde und ihm erlaubt hätte, das Land zu betreten, eine jüdische Frau zu heiraten oder auf einem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden.

Im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung war die Mauer nie ein Teil des herodianischen Tempels. Um eine große Plattform zu schaffen, auf dem der Tempel stand (und auf dem heute der prächtige Felsendom und die al-Aqsa-Moschee stehen) musste eine Menge Erde herangeschafft und die Fläche erhöht werden. Um diese Masse zusammen zu halten, ließ er eine Stützmauer um den Tempelplatz bauen. Die Klagemauer ist nichts anderes als ein Rest dieser Stützmauer.

 

ALS DIE israelische Armee im Juni 1967 OstJerusalem eroberte, war eine der ersten Aktionen des Staates ein Verbrechen. Zu jener Zeit war Teddy Kollek, ein überzeugter Atheist, Bürgermeister von Westjerusalem. Aber es war ihm schnell die politische und touristische Bedeutung des Platzes klar und so befahl er die sofortige Vertreibung der ganzen Bevölkerung des anschließenden Mugrabi-Viertels, etwa 650 Muslime. Er ließ dann das ganze Viertel dem Erdboden gleich machen.

Zufällig war ich an diesem Tag in der Altstadt von Jerusalem, und ich werde nie den Anblick vergessen – besonders nicht ein in Tränen aufgelöstes etwa 13jähriges Mädchens, das einen großen Schrank auf seinem Rücken wegtrug.

Anstelle des zerstörten Viertels wurde ein riesiger leerer Platz geschaffen. Es ist der Klagemauerplatz, der einem großen Parkplatz ähnelt und Touristen und Gebetsschal tragende Frauen anzieht. Die Klagemauer hat nun ihren Ehrfurcht erregenden Charakter verloren und sieht nun nur wie jede andere große Mauer aus – allerdings aus besonders großen Steinen.

Der verstorbene Professor Yeshayahu Leibowitz, ein orthodoxer Jude, nannte sie „Diskotel“ (Kotel= Mauer). Er war voll des Lobs für die Wahhabiten, eine fundamentalistische sunnitische Sekte, die ,nachdem sie Mekka eroberte, das Grab des Propheten Muhammad sofort zerstörte und behauptete, wenn man Steine zu heiligen Stätten mache, man Götzendienst treibe. Sie hätten sicher die Rabbiner der Klagemauer als elende Heiden verurteilt.

Nach den jüdischen Mythen ist der Begräbnisplatz von Moses unbekannt. Also kann er keine Stätte der Götzenanbetung werden.

Um Kolleks Ehre zu retten, muss gesagt werden, dass er ein weiteres Verbrechen verhindert habe. Nach der Zerstörung des Mugrabi-Viertels verlangte David Ben Gurion, dass die ganze Mauer um die Altstadt abgerissen werden soll. In der neu vereinten jüdischen Hauptstadt –so behauptete er - wäre kein Platz für eine türkische Mauer. Kollek, ein früherer Mitarbeiter von Ben Gurion, beruhigte den alten Herrn.

 

VIELE ISRAELIS sind davon überzeugt, dass die Klagemauer zu einem säkularen Nationaldenkmal erklärt werden sollte, unabhängig von seinen religiösen Assoziationen. Doch der Staat Israel erklärte sie zu einer Heiligen Stätte und setzte sie unter die alleinige Jurisdiktion des Obersten Rabbinats. Für die Frauen der Klagemauer nicht gerade erfreulich.

In letzter Zeit hat Nathan Sharansky einen Kompromiss vorgeschlagen: man schaffe nahe der Mauer einen zusätzlichen Platz und erlaube jedem – Mann oder Frau, mit oder ohne Gebetsschal und vermutlich hetero oder schwul oder lesbisch – dort zu beten. Das Ei des Kolumbus.

(Sharansky, der frühere viel bewunderte Rebel gegen den KGB in der Sowjetunion und später ein gescheiterter Politiker in Israel hat sich einen Ruheposten als Chef der Jüdischen Agentur gesichert, einer anachronistischen Institution, die sich vor allem mit Spendeneinsammeln für die Siedler beschäftigt.)

Die Rabbiner mögen den Kompromiss akzeptieren oder auch nicht. Den Frauen mag es erlaubt werden, dort zu beten, ohne eine Verhaftung zu riskieren. Die wirkliche Frage ist, warum gab der Staat die ganze Kontrolle über diesen Platz, der für so viele Menschen so wichtig ist, den orthodoxen Rabbinern. Schließlich stellen sie in Israel – wie auch unter den Juden in der Welt - nur eine Minderheit dar.

Die Antwort mag politisch sein, aber sie berührt einen weit wichtigeren Aspekt: die Nicht-Trennung von Staat und Religion.

Diese Situation wird durch das Argument gerechtfertigt – sogar von atheistischen Israelis – dass Israel von der Unterstützung des Weltjudentums abhängig ist. Und was vereinigt das Weltjudentum? Die Religion. (Leibowitz sagte einmal zu mir, dass die jüdische Religion seit 200 Jahren tot sei. Und dass das, was das Weltjudentum jetzt vereint, das Gedächtnis an den Holocaust sei.)

Nach der Staatsdoktrin ist Israel der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Nach der zionistischen Doktrin sind das jüdische Volk und die jüdische Religion ein und dasselbe. Es kann also keine Trennung geben.

Jeder, der Israel in ein normales Land verwandeln will, muss diese beiden Dogmen zurückweisen. Die Israelis sind eine Nation und der Staat Israel gehört dieser Nation. Jeder Bürger, ob männlich oder weiblich, sollte in der Lage sein dort zu beten, wo immer er oder sie es wünscht, an jedem öffentlichen Ort, einschließlich vor der Klagemauer.

Der Tempelberg (bei Muslimen als Haram al-Sharif, der ehrwürdige Schrein bekannt) einschließlich der Klagemauer und der nicht weit entfernt liegenden Grabeskirche, sind von immenser Bedeutung für Milliarden von Menschen: er sollte ein Faktor für Frieden sein.

Wir können nur hoffen, dass er irgendwann in der Zukunft diese Mission erfüllen wird.

 

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)