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Dec 10, 2016

Uri Avnery, 10.Dezember 2016

 

EINE DUNKLE Woge überschwemmt Demokratien in der ganzen westlichen Welt.

 

Es begann in Großbritannien, einem Land, das wir immer als die Mutter der Demokratie ansahen, die Heimat eines besonders sensiblen Volkes. Es stimmte in einer Volksabstimmung dafür, die Europäische Union zu verlassen, ein Markstein menschlichen Fortschritts, der sich aus den Ruinen des schrecklichen 2. Weltkriegs erhob.

 

Warum? Kein besonderer Grund. Eine Laune.

 

Dann kamen die US-Wahlen. Das Unglaubliche geschah. Ein Niemand kam von nirgendwoher und wurde gewählt. Eine Person ohne irgendwelche politische Erfahrung, ein brutaler Kerl, ein Gewohnheitslügner, ein Schauspieler. Jetzt ist er der mächtigste Staatsmann auf dem Planeten, der „Führer der freien Welt“,

 

Und nun geschieht es in ganz Europa. Die Ultra-Rechte gewinnt fast überall und droht, mit Abstimmung, an die Macht zu kommen. Moderate Präsidenten und Ministerpräsidenten geben ihr Amt auf oder werden rausgeschmissen. Mit der bemerkenswerten Ausnahme von Deutschland und Österreich, die anscheinend ihre Lektion gelernt haben, gewinnt der Faschismus und Populismus überall an Boden.

 

Warum , um Gottes Willen?




Dec 3, 2016

Uri Avnery, 3.Dezember 2016

 

ALS MEINE Eltern in Deutschland kurz bevor der 1. Weltkrieg ausbrach, heirateten, war unter den Geschenken ein Dokument, das bescheinigt, dass auf ihren Namen ein Baum in Palästina angepflanzt worden wäre.

 

Mein Vater war ein früher Zionist. Ein volkstümlicher jüdischer Witz in Deutschland sagte damals: „Ein Zionist ist ein Jude, der Geld von einem anderen Juden zu nehmen wünscht, um einen dritten Juden in Palästina anzusiedeln.“Mein Vater plante zu dieser Zeit gewiss nicht, selbst nach Palästina zu gehen.

 

Palästina war in jener Zeit ein Land ohne dekorative Bäume. Die arabischen Bewohner kultivierten Olivenbäume, mit deren Hilfe sie ein karges Leben führten. Zu jener Zeit wurden Zitrusbäume eingeführt. Die Olivenbäume waren einheimische Bäume: schon in der biblischen Geschichte von Noahs Arche holte die Taube ein Olivenblatt als ein Zeichen von Leben.

 

Nach einer volkstümlichen Legende hatte während dieses Krieges die türkische Verwaltung die Bäume gefällt, um eine Eisenbahnlinie über die Sinai-Halbinsel zu legen und die Briten vom Suez-Kanal zu vertreiben. Stattdessen überquerten die Briten den Sinai in der andern Richtung und eroberten Palästina.

 

 




Nov 19, 2016

Uri Avnery19  November 2016 
DER ERSTE Schock ist vorüber. Trump, der gewählte Präsident. Allmählich gewöhne ich mich an den Klang dieser Worte.
Wir treten in eine Ära vollkommener Ungewissheit ein. Wir Israelis und die gesamte Welt. Vom Schuhputzer-Jungen zum Staatsoberhaupt. 
Niemand weiß es.





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Der Frieden zwischen Israel und Palästina ist möglich !!

Nov 19, 2011

Weimar wiederholt sich


„DU UND dein Weimar!“ rief einmal einer meiner Freunde ärgerlich aus, „nur weil du selbst den Zusammenbruch der Weimarer Republik als Kind miterlebt hast, siehst du hinter jeder Ecke Weimar.“

 

Die Anklage war nicht ganz unberechtigt. 1960, während des Eichmann-Prozesses schrieb ich ein Buch über den Zusammenbruch der deutschen Republik. Sein letztes Kapitel hieß: „Es kann auch hier geschehen.“ Seit damals komme ich immer wieder einmal auf diese Warnung zurück.

 

Aber jetzt bin ich nicht mehr allein damit. Während der letzten paar Wochen tauchte der Name Weimar in den Artikeln vieler Kommentare auf.

 

Er sollte in riesigen Buchstaben an die Wände gesprüht werden.



Weimar wiederholt sich

 

Uri Avnery

 

„DU UND dein Weimar!“ rief einmal einer meiner Freunde ärgerlich aus, „nur weil du selbst den Zusammenbruch der Weimarer Republik als Kind miterlebt hast, siehst du hinter jeder Ecke Weimar.“

 

Die Anklage war nicht ganz unberechtigt. 1960, während des Eichmann-Prozesses schrieb ich ein Buch über den Zusammenbruch der deutschen Republik. Sein letztes Kapitel hieß: „Es kann auch hier geschehen.“ Seit damals komme ich immer wieder einmal auf diese Warnung zurück.

 

Aber jetzt bin ich nicht mehr allein damit. Während der letzten paar Wochen tauchte der Name Weimar in den Artikeln vieler Kommentare auf.

 

Er sollte in riesigen Buchstaben an die Wände gesprüht werden.

 

 

ISRAELS DEMOKRATIE steht unter Belagerung. Keiner kann dies ignorieren. Es ist das Hauptthema in der Knesset, die den Angriff anführt, und in den Medien, die sich unter den Opfern befinden.

 

Dies geschieht nicht in den besetzten Gebieten. Dort hat es nie eine Demokratie gegeben. Besatzung ist das direkte Gegenteil von Demokratie: eine Verweigerung aller Menschenrechte, des Rechts auf Leben, Freiheit, Bewegung, fairen Prozess und freie Meinungsäußerung, geschweige denn nationale Rechte.

 

Nein, ich meine das eigentliche Israel, das Israel innerhalb der Grünen Linie, die „einzige Demokratie im Nahen Osten“.

 

Die Angreifer sind Mitglieder von Binjamin Netanjahus Regierungskoalition, die halbfaschistische und offen faschistische Elemente einschließt. Netanjahu selbst versucht, diskret im Hintergrund zu bleiben, aber es kann keinen Zweifel geben, dass jedes einzelne Detail mit ihm abgesprochen wurde.

 

In den ersten zwei Jahren dieser Koalition waren die Angriffe sporadisch. Doch jetzt sind sie bestimmt, systematisch und koordiniert.

 

Im Augenblick greifen die antidemokratischen Kräfte auf breiter Front an. Die drei Hauptpfeiler der Demokratie – die Gerichte, die Medien und die Menschenrechtsorganisationen – sind unter gleichzeitigem, tödlichem Angriff. (Denk an Weimar!)

 

 

DER OBERSTE GERICHTSHOF ist die Bastion der Demokratie. Israel hat keine Verfassung, die Knessetmehrheit ist total hemmungslos, nur das Gericht kann (wenn auch zögerlich) die Annahme antidemokratischer Gesetze verhindern.

 

Ich bin kein blinder Bewunderer des Gerichtes. In den besetzten Gebieten ist er ein Arm der Besatzung, konzentriert auf die „nationale Sicherheit“, die die schlimmsten Ereignisse billigt.

Nur in seltenen Fällen hat es sich gegen die schlimmsten Praktiken ausgesprochen. Aber im eigentlichen Israel ist es ein hartnäckiger Verteidiger der Bürgerrechte.

 

Die extremen Rechten in der Knesset sind entschlossen, dem ein Ende zu setzen. Ihr Mann an der Spitze ist der Justizminister, der von Avigdor Lieberman ernannt wurde. Er ist dabei, eine Reihe von skandalösen Gesetzesvorlagen ad hominem durchzuboxen. Eine von ihnen ist dafür bestimmt, die Zusammensetzung des öffentlichen Komitees, das die Richter wählt, zu verändern - und zwar mit der unverschleierten Absicht, die Ernennung eines besonderen Richters vom rechten Flügel ins Oberste Gericht zu bringen.

 

Eine andere Gesetzesvorlage hat den unverhüllten Zweck, die bestehenden Gerichtsregeln zu verändern, um einen gewissen „konservativen“ Richter auf den Stuhl des Gerichtspräsidenten zu bringen. Der erklärte Zweck ist, die Herrschaft eines unabhängigen Gerichtes aufzuheben, das wagt, wenn auch nur in seltenen Fällen, die „verfassungswidrigen“ Gesetze, die von der Knessetmehrheit erlassen wurden, zu blockieren. Sie wollen, dass das Gericht „den Willen des Volkes vertritt“ (Man erinnere sich an Weimar!).

 

Bis jetzt – seit den ersten Tagen des Staates – wurden die Richter praktisch von einer Kooptation gewählt. Das hat 63 Jahre lang perfekt funktioniert. Um Israels Oberstes Gericht beneiden uns viele Länder. Jetzt ist dieses System in tödlicher Gefahr.

 

Eine andere Gesetzesvorlage hätte die Kandidaten für das Oberste Gericht gezwungen, sich vor einem Knesset-Komitee einem Verhör auszusetzen, um seine Zustimmung zu erhalten. Dem Komitee sitzt ein anderer Politiker, der von Liebermann ernannt worden war, vor. Im letzten Augenblick wurde diese Vorlage von Netanjahu selbst zurückgehalten. Er hatte schon seine Billigung gegeben, schrak dann aber vor der allgemeinen Verurteilung zurück – und steht nun als Verteidiger der Demokratie da.

 

Der Vorstand des juristischen Komitees der Knesset, der wie gesagt von Liebermann ernannt wurde, ist dabei, diese Gesetze übereilt durch sein Komitee zu bringen – im Widerspruch zu den üblichen Prozeduren. In einer stürmischen Sitzung in dieser Woche hat ihn ein weibliches Mitglied einen „groben Rowdy“ genannt. Er erwiderte: „Du bist nicht einmal eine Kuh.“

 

Ein minimaler Zweck dieser Gesetzesvorlagen ist, die Richter einzuschüchtern, damit sie die anderen erlassenen antidemokratischen Gesetzesvorlagen, nicht mit einem Veto belegen. Man sagt, dass die Auswirkungen schon zu spüren sind.

 

In mehreren berühmten Fällen missachtet die Regierung offen die Order des Obersten Gerichthofes, besonders was die Evakuierung von Siedlungsaußenposten betrifft, die auf Land gebaut wurden, das palästinensischen Bauern gehört.

 

Wer wird das Gericht verteidigen? Der frühere Gerichtspräsident Aharon Barak, der von den Rechten wegen seines bahnbrechenden „juristischen Aktivismus’“ gehasst wurde, sagte mir einmal: „Das Gericht hat keine Divisionen. Seine Macht beruht allein auf der Unterstützung der Öffentlichkeit.“

 

 

DER ANGRIFF auf die Medien begann schon früher, als der amerikanische Kasinobaron Sheldon Adelson, ein naher Freund von Netanjahu, begann, ein tägliches Boulevardblatt herauszugeben zu dem ausdrücklichen Zweck, Netanjahu zu helfen. Es wird kostenlos verteilt und ist jetzt die am weitesten verbreitete Zeitung im Land, die nun die Existenz aller anderen bedroht (sie aber auch besticht, indem er ihnen riesige Druckaufträge gibt.) Geld ist kein Problem. Riesige Summen werden ausgegeben.

Und das war nur der Anfang.

 

1965 hat die Laborpartei-Regierung ein neues Verleumdungsgesetz herausgegeben (das buchstäblich das „Gesetz der bösen Zunge“ genannt wurde), das klar dafür bestimmt war, dem Massennachrichten Magazin „Haolam Hazeh“, das ich herausgab, einen Maulkorb anzulegen. Es hatte in Israel den Enthüllungsjournalismus eingeführt. Ich wandte mich an die Öffentlichkeit, damit sie mich aus Protest in die Knesset schicken solle, und 1,5% der Wähler waren wütend genug, um dies zu tun.

 

Nun will die Bande vom rechten Flügel in der Knesset dieses Anti-Mediengesetz noch verschärfen.

Die neue Änderung gewährt jedem bis zu 100 000 Euro Schadenersatz, der behauptet, durch die Medien geschädigt worden zu sein, ohne dass er überhaupt Schaden nachweisen muss. Für Zeitungen und TV-Kanäle, die sich schon jetzt in einer prekären finanziellen Situation befinden, bedeutet dies, dass sie besser alle investigativen Berichte und jede Kritik an einflussreichen Politikern und Magnaten aufgeben.

 

Die neuen Winde werden schon gespürt. Journalisten und TV-Editoren werden eingeschüchtert. In dieser Woche gab ein Programm im Kanal 10, der als der liberalste angesehen wird, fünf Minuten lang ein Lied zum Besten, das den verstorbenen „Rabbi“ Meir Kahane glorifizierte Er war vom Obersten Gericht als Faschist bezeichnet worden, und seine Organisation wurde verboten, weil sie befürwortete, was das Gericht „Nürnberger Gesetze“ nannte. Ein bekennendes Mitglied dieser Organisation, das noch lebt und unter einem anderen Namen läuft, ist heute ein lautstarkes Mitglied in der Knesset. (Man denke an Weimar!)

 

Eine Säuberung unter TV-Journalisten ist schon im Gange. Ein Direktor nach dem anderen von TV-Kanälen wird von bekannten Rechten ersetzt. Es wird von der Regierung offen zugegeben, dass die Regierung die Schließung von Kanal 10 erzwingen würde (durch Abrufung ausstehender Schulden) wenn nicht ein bestimmter Journalist gefeuert würde. Obwohl er sonst ein Typ des Establishments ist, hat er Netanjahu geärgert, als er seinen und seiner Frau luxuriösen Reisestil auf Regierungskosten öffentlich gemacht hatte.

 

 

ZUR SELBEN Zeit werden Menschenrechts- und Friedensgruppen schwer angegriffen. Die Knessetbande liefert eine Gesetzesvorlage nach der anderen, um sie zum Schweigen zu bringen.

 

Eine Gesetzesvorlage ist schon unterwegs; sie verbietet Menschenrechtorganisationen, Spenden von ausländischen Regierungen und „staatsähnlichen Organisationen“ wie die UN und die EU anzunehmen. Rechte Organisationen empfangen natürlich riesige Summen Geld von jüdisch-amerikanischen Milliardären, die die Siedlungen sponsern (die auch indirekt vom US- Finanzministerium finanziert werden, da sog. „Wohltätigkeitsorganisationen“ der Siedlungen von Steuern befreit sind).

 

Das Gesetz, das auf Organisationen und Individuen riesige Entschädigungssummen legt, die einen Boykott auf Siedlungsprodukte befürworten, ist schon in Kraft. Die Anhörung eines Gesuches wegen Unterdrückung politischen Protestes, das von Gush Shalom dem Obersten Gericht vorgelegt wurde, ist vom Gericht immer und immer wieder vertagt worden.

 

Der parlamentarische Terrorismus wird von zunehmender Gewalt der faschistischen Banden aus den Siedlungen begleitet. Diese SA-ähnlichen Banden nennen ihre Aktionen „Preisschild“. Gewöhnlich reagieren sie auf Einzelfälle der Armee, die ein paar „illegale“ Gebäude in einer Siedlung demolieren, indem sie ein benachbartes palästinensisches Dorf angreifen, in einer Moschee Feuer legen oder das ausführen, was man nur als Pogrom bezeichnen kann. (Man denke an Weimar!)

 

 

MARTIN NIEMÖLLER, ein deutscher U-Boot-Kapitän und später pazifistischer Pastor, der von den Nazis in ein KZ geworfen wurde, prägte die berühmte Klage: „Als die Nazis die Kommunisten abholten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich bin ja kein Jude. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich nicht protestiert. Ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte.“

 

Wovon wir jetzt Zeugen werden, ist kein isolierter Angriff auf das eine oder andere Menschenrecht – was wir sehen, ist ein allgemeiner Angriff auf die Demokratie als solche. Vielleicht können nur Leute, die eine faschistische Diktatur erlebten, voll und ganz realisieren, was das bedeutet.

 

Natürlich bedeuten Ähnlichkeiten zwischen dem Zusammenbruch der deutschen Republik und dem Prozess im heutigen Israel nicht, dass der weitere Verlauf derselbe sein muss. Der Nationalsozialismus war auf viele Weisen einzigartig. Das Ende der wirklichen Demokratie kann durch verschiedene Systeme erfolgen. Es gibt viele Modelle: Ceaucescu, Franco, Putin.

 

Sicherlich gibt es keine Ähnlichkeiten zwischen der kleinen deutschen Stadt Weimar und Tel Aviv. Außer vielleicht der Tatsache, dass viele Häuser in Tel Aviv zur Bauhaus-Architekturschule gehören – die aus Weimar kam.

 

Weimar war einmal ein kulturelles Zentrum, wo Genies wie Goethe und Schiller ihre Meisterwerke schrieben. Die Deutsche Republik, die 1919 nach dem 1. Weltkrieg gegründet wurde, bekam diesen Namen, weil die Nationalversammlung, die ihre sehr progressive/fortschrittliche Verfassung verkündete, hier stattfand.

 

Nach diesem Vorbild könnte der gefährdete demokratische Staat Israel, dessen Unabhängigkeits-erklärung 1948 hier in Tel Aviv unterzeichnet wurde, Tel Aviver Republik genannt werden.

 

Wir sind noch nicht im Jahr 1932. Die Sturmsoldaten ziehen noch nicht durch unsere Straßen. Wir haben noch etwas Zeit, die Öffentlichkeit gegen die lauernde Gefahr zu mobilisieren. Die Demonstration, die in dieser Woche in Tel Aviv gegen die Entdemokratisierung Israels stattfinden wird, mag ein Wendepunkt sein.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 

 



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