Der Frieden zwischen Israel und Palästina ist möglich !!

Uri Avnery vertritt seit 1948 die Idee des israelisch-palästinensischen Friedens und die Koexistenz zweier Staaten: des Staates Israel und des Staates Palästina, mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt. Uri Avnery schuf eine Weltsensation, als er mitten im Libanonkrieg (1982) die Front überquerte und sich als erster Israeli mit Jassir Arafat traf. Er stellte schon 1974 die ersten geheimen Kontakte mit der PLO-Führung her.

  • Uri Avnery trifft Jassir Arafat - Foto Uri Avnery 1982

  • Festakt zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille 2008 der Internationalen Liga für Menschenrechte. Von links nach rechts: Mohammed Khatib & Abdallah Aburama (Bürgerkomitee von Bil'in), Rachel Avnery, Fanny-Michaela Reisin (Präsidentin der Liga), Uri Avnery, Adi Winter & Yossi Bartal (Anarchists against the wall) - Foto Michael F. Mehnert CC BY-SA 3.0

  • Bild Interview Sternenjaeger.ch Copyright 2012 - sternenjaeger.ch

Texte von Uri Avnery

May 17, 2014

Lieber Salman


Uri Avnery,  17.5.14

VOR JAHREN war ich zu einer UN-Konferenz über die palästinensischen Flüchtlinge eingeladen. Ich sollte als Israeli mit der Debatte  beginnen, nach dem der palästinensische Vertreter Salman Abu-Sitta aus einem Beduinenstamm im Negev als Palästinenser die Konferenz eröffnet hatte.


Vor der Debatte wurde ich gewarnt, Abu Sitta sei der extremste der Flüchtlinge, ein berüchtigter Israelhasser. Als ich an die Reihe kam, sagte ich, ich müsse wählen zwischen  einer mündlichen Antwort oder dem Lesen meines vorbereiteten Textes.  Ich entschied mich. meinen Text zu lesen und versprach ihm, ihn zu einem privaten Essen einzuladen und mit ihm seine Punkte zu diskutieren.

Als ich meinen Text gelesen hatte, erinnerte mich Abu-Sitta an dieses Versprechen. Wir aßen in einem ruhigen Pariser Restaurant zu Mittag und ich fand, dass Abu-Sitta eine sehr sympathische Persönlichkeit ist. Rachel, meine Frau, war tief bewegt von dem Bericht  seiner Flucht als Junge während der Nakba . Ich auch.

Abu Sitta, jetzt ein sehr wohlhabender internationaler Bauunternehmer, hat sein Leben dem Elend der palästinensischen Flüchtlinge gewidmet, und vielleicht ist er der beste Experte über die Nakba in der Welt..

In dieser Woche erhielt ich von ihm einen Brief, bei dem ich die Notwendigkeit fühlte  sie hier wörtlich abzuschreiben:



LIEBER URI

Ich las in Haaretz  mit großem Interesse Dein Interview über Dein so ereignisreiches Leben. Du hältst seit den frühen Fünfzigern an Deinen  Prinzipien fest, nachdem Du herausgefunden hattest, die alte Doktrin wäre nicht mehr durchführbar und nicht  moralisch.

Ich erinnere mich lebhaft an unser Gespräch beim Mittagessen in Paris mit Deiner lieben Frau Rachel – gesegnet sei ihre Seele.

Du beschriebst Deine frühen Jahre als junger Deutscher mit dem Namen Helmut; dass du dich später der Terrororganisation Irgun angeschlossen hast und  ein Maschinengewehr  auf einen  Hügel bei Hulayqat getragen hast ( wo jetzt ein Denkmal steht, um die gefallenen Soldaten zu „ehren“ ) . wie du das Menschenmeer vertriebener Flüchtlinge beobachtetest, die in Richtung Gaza  entlang der  Küste liefen.

Ich erzählte Euch auch meine Geschichte: wie ich ein Flüchtling wurde, ohne je einen Juden gesehen zu haben, und  wie  ich Jahre verbrachte, um herauszufinden, wer es tat, den Namen, das Gesicht und das Bataillon.

Ich erinnere mich, wie ich Dich fragte „wärest du mit meiner Rückkehr in mein Haus, einverstanden, wenn es neben dem Deinigen stünde?“  Du sagtest nachdrücklich NEIN.

Ich schrieb das  alles in meinen Memoiren, die in diesem Jahr in Europa und Amerika erscheinen werden.

Ich erinnere mich an eine ähnliche Geschichte mit einem anderen Schluss. Ich spreche von  Dr. Tikva Honig-Parnass („Reflexionen einer  Tochter der 48er-Generation“).  Es ist ein bewegender Bericht, wie Wahrheit und Realität sich ihr darboten, als Palmach-Soldatin mit der schwerwiegenden Ungerechtigkeit, die man den Palästinensern antat. Seitdem setzt  sie ihre Energie ein um deren Rechte zu verteidigen, einschließlich des Rückkehrrechtes.

Ich sah weder  Spur noch  Hinweis auf einen Rückzieher in Deinem Interview, was ich gehofft hatte, nämlich die Anerkennung des Rückkehrrechtes oder  Sühne und Heilung der größten Sünde: die ethnische Säuberung der Palästinenser.  Wäre  es nicht die passende letzte Station eines langen Lebens  (und ich wünsche Dir ein längeres), wenn du wieder auf der Hügelkuppe stehen und rufen würdest, dass es alle hören - Deine Lebenserfahrungen zusammen fassend: die Flüchtlinge müssen zurückkehren, wir müssen die Sünde der ethnischen Säuberung bereuen?

Ist diese Frage an einen Mann mit Prinzipien, wie Du es bist, zu viel, dies zu tun? Ich frage  dies jetzt nicht im Namen der Palästinenser, denn zweifellos WERDEN sie zurückkehren.  Ich hoffe, dass dies die Errungenschaften Deines Lebens im israelischen Milieu krönen würde.

Wie ich wiederholt schrieb:  die Geschichte der Juden wird nicht mehr von dem angeblichen Töten Christi markiert noch  von den Brutalitäten der Nazis im 2. Weltkrieg, sondern  wird unauslöschlich von dem  markiert, was sie den Palästinensern absichtlich und dauernd angetan haben, ohne  schlechtes Gewissen, Bedauern oder Rechtsmittel. Dies reflektiert jene Seite des menschlichen Geistes, der aus der Geschichte nichts lernt und der von seiner eigenen moralischen Haltung ablässt.

Mit freundlichen Grüßen                Salman Abu Sitta



LIEBER SALMAN

ICH WAR von diesem Brief tief bewegt.  Ich brauchte Tage, bis ich den Mut fand, auf diesen Brief zu antworten. Ich versuche es so ernsthaft wie möglich.

Als ich im Krieg 1948 verwundet wurde, entschied ich mich, meine Lebensaufgabe sollte der Frieden zwischen  unsren beiden Völkern sein. Ich hoffe, dass ich mein Versprechen gehalten habe.

Nach einem so langen und bitteren Konflikt Frieden zu machen, ist  eine moralische und  politische Bemühung. Oft liegt da ein Widerspruch zwischen den beiden Aspekten.

Ich habe großen Respekt vor den paar Leuten in Israel, die wie Tikva sich vollkommen  der moralischen Seite der Flüchtlingstragödie widmen, egal, welche Folge dies für die Chance des Friedens hat. Meine eigene moralische  Einstellung sagt mir, dass der Frieden das erste Ziel sein muss, vor und über allem anderen.

Ich erinnere mich auch lebhaft an unser Gespräch in Paris und schrieb darüber im 2. Band meiner Memoiren, die im Laufe dieses Jahres auf Hebraeisch erscheinen werden. Es mag für Leser interessant sein, unsere beiden Beschreibungen desselben Gesprächs zu vergleichen. Über die Szene in der Nähe von Hulayqat habe ich im 1. Band geschrieben, der schon auf Hebräisch herauskam.

Der Krieg von 1948 war eine schreckliche menschliche Tragödie. Beide Seiten glaubten, es sei eine existentielle Schlacht, dass ihr  Leben an einem Faden hing. Es wird oft vergessen, dass ethnische Säuberung (den Terminus gab es damals noch nicht) von beiden Seiten praktiziert wurde. Unsere Seite besetzte große Gebiete und schuf so ein riesiges Flüchtlingsproblem; während es  der palästinensischen Seite gelang, nur ein kleines  Gebiet zu besetzen, wie die Altstadt von Jerusalem und den jüdischen  Ezion-Siedlungsblock bei Bethlehem. Aber kein einziger Jude  blieb dort.

Der Krieg war, wie später der bosnische Krieg, ein ethnischer Krieg, in dem beide Seiten  versuchten , ein größtmögliches Stück Land zu erobern – OHNE Bevölkerung.

Als Augenzeuge und Teilnehmer kann ich die Tatsache  bezeugen, dass die Ursprünge des Flüchtlingsproblems extrem kompliziert sind. Während der ersten sieben Monate des Krieges waren die Angriffe auf die arabischen Dörfer  militärisch absolut notwendig. Zu dieser Zeit  waren wir die schwächere Seite. Nach einer Anzahl sehr grausamer Schlachten drehte sich das Rad, und ich glaube, dass eine absichtliche Politik der Vertreibung von der zionistischen Führung  ergriffen wurde.

Aber die wirkliche Frage ist: Warum wurde den 750 000 Flüchtlingen nach den Feindseligkeiten nicht erlaubt, nach Hause zurückzukehren?



MAN MUSS sich an die Situation erinnern. Es war drei Jahre, nachdem die  rauchenden Kamine von Auschwitz und  den anderen Lagern  kalt geworden waren. Hunderttausende von elenden Überlebenden waren in überfüllten Flüchtlingslagern in Europa und  wussten nicht wohin, außer in das neue Israel. Sie wurden hierher geführt und eilig in die Häuser der geflohenen Palästinenser gebracht.

All dies löschte unsere moralische Verpflichtung nicht aus, der schrecklichen Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge ein Ende zu bereiten. 1953 veröffentlichte ich in meinem Magazin Haolam Hazeh einen detaillierten Plan für die Lösung des Flüchtlingsproblems.  Es schloss (a) eine Entschuldigung bei den Flüchtlingen ein und  im Prinzip auch die Anerkennung  des Rückkehrrechts, (b) die Rückkehr und Wiederansiedlung einer beträchtlichen Zahl, (c)  eine großzügige Wiedergutmachung für den ganzen Rest. Da die israelische Regierung sich aber weigerte, die Möglichkeit der Rückkehr auch nur von einzelnen Individuen in Betracht zu ziehen, wurde der Plan nicht einmal diskutiert.



WARUM STEHE ich nicht auf einer Hügelkuppe und rufe nach der Rückkehr aller Flüchtlinge?

Frieden wird zwischen  Parteien gemacht, die beide bereit sind, einzuwilligen.  Es gibt absolut keine Chance, dass die  große Mehrheit der Israelis mit der Rückkehr aller Flüchtlinge und ihrer Nachkommen(6 oder 7 Millionen) einverstanden ist.  Es wäre etwa dieselbe Anzahl wie  die Anzahl von Israels jüdischen Bürgern. Dies wäre das Ende des „Jüdischen Staates“ und der Beginn eines „bi-nationalen Staates“ gegen den 99% der Israelis sind. Dies könnte nur durch Krieg erreicht werden, der  augenblicklich wegen Israels unendlich militärischer Überlegenheit, einschließlich Nuklearwaffen, unmöglich ist.

Ich kann auf der Hügelkuppe stehen und rufen – aber das würde keinem den Frieden (und einer Lösung) nur einen Schritt näher bringen.

Meiner Ansicht nach ist das Warten auf eine Lösung in hundert Jahren, während der Konflikt und die Misere weitergehen, nicht wirklich moralisch.



LIEBER SALMAN, ich habe aufmerksam Deiner Darlegung zugehört.

Du meinst, Israel  könnte leicht all die Flüchtlinge im Negev aufnehmen,  der fast leer sei. Das stimmt.

Die überwältigende Mehrheit der  Israelis würde dies zurückweisen, weil sie äußerst entschlossen ist, eine  große jüdische Mehrheit in Israel zu haben. Aber ich frage mich auch selbst: Was ist die Logik darin?   

Als ich  mich während des Krieges 1982 mit  Yassir Arafat in Beirut traf, besuchte ich auch mehrere palästinensische Flüchtlingslager. Ich fragte viele Flüchtlinge, ob sie nach Israel zurück wollten. Die meisten sagten, sie wollten zurück in ihre Dörfer (die  aber seit langem  zerstört sind), aber nicht irgendwohin  in Israel.

Welchen Sinn hat es, sie den harten Bedingungen der Wüste auszusetzen – in einem zionistisch dominierten und hebräisch sprechenden Land, weit weg von ihren ursprünglichen Wohnstätten? Würden sie das wollen?

Arafat und seine Nachfolger begrenzten und begrenzen  ihr Ziel auf eine  „gerechte und  beiderseitig übereinstimmende Lösung“, die der israelischen Regierung ein Vetorecht gibt. Das bedeutet praktisch, höchstens die Rückkehr einer symbolischen Anzahl.

Mein letzter Vorschlag ist: der israelische Präsident möge sich entschuldigen und das tiefe Bedauern des israelischen Volkes zum Ausdruck bringen, für ihren Anteil an der Schaffung der Tragödie und ihrer Dauer.

Die israelische Regierung muss das moralische Recht der Rückkehr der Flüchtlinge anerkennen.

Israel sollte jedes Jahr die Rückkehr von 50 000 Flüchtlingen  zehn Jahre lang  anerkennen (Damit bin ich fast allein in Israel, der diese Anzahl verlangt. Die meisten Friedensgruppen würden dies auf 100 000 zusammen  reduzieren).

Alle anderen Flüchtlinge sollten Kompensationen erhalten, in etwa nach den Kompensationen, wie sie  Deutschland  jüdischen Opfern gezahlt hat. (natürlich kein Vergleich)

Mit der Gründung des Staates Palästina würden alle Flüchtlinge palästinensische Pässe erhalten und in der Lage sein, in ihrem Lande zu siedeln.

In nicht zu weiter Zukunft, wenn die beiden Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite neben einander leben, mit offenen Grenzen und mit ihren Hauptstädten in Jerusalem – vielleicht innerhalb des Rahmens einer regionalen Union  – wird das Problem seinen Stachel verlieren.



ES FÄLLT mir schwer, diesen Brief zu schreiben. Für mich sind die Flüchtlinge kein abstraktes „Problem“, sondern  menschliche Wesen mit menschlichen Gesichtern. Aber ich will Dich nicht anlügen.

Ich wäre mir eine Ehre, neben Dir  (selbst in der Negev-Wüste) zu leben.

Salamaat,   Uri

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)





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