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Jun 25, 2016

Uri Avnery

June 25, 2016

 

 

PLÖTZLICH erschien ein bekanntes, fast schon vergessenes Gesicht, auf dem Fernseh-Bildschirm. Nun gut, nicht ganz bekannt, weil es jetzt einen prominenten schwarzen Bart trägt. (Wenn ich es wäre, würde ich ihn schnellstens entfernen.)

 

Ja, da war er, der ehemalige Stabschef und Premierminister, Ehud Barak.

 

Barak in einem neuen Format. Aggressiv, unverblümt. Er verurteilte Binyamin Netanyahu klar und deutlich und wiederholte meine Warnung, Wort für Wort, dass Netanyahu seinen Verstand verloren hat. Er sagte, dass Netanyahu “aus den Fugen geraten ist” und dass es nun “Anzeichen von Faschismus” in Israel gäbe.

 

Das gesamte Land wachte auf und hörte zu. Barack wieder zurück? Letzendlich ein Mann, der möglicherweise Netanyahu besiegen konnte?

 

Barak verneinte, dass er ein potentieller Premierminister-Kandidat sei. Keiner glaubte ihm. Jeder Kommentator, der etwas auf sich hielt, begann, Pläne für eine neue Partei zu veröffentlichen. Weshalb nicht Barak gemeinsam mit Moshe Ya'alon, dem ehemaligen Stabschef und Verteidigungsminister, der gerade von Netanyahu hinausgeworfen wurde? Weshalb nicht mit Gabi Ashkenazi, einem anderen ehemaligen Stabschef, der den zusätzlichen Vorteil hat, Orientale zu sein? Jede Menge Namen schwirrten durch die Luft.

 

Es herrschte eine neue Atmosphäre. Ein weitverbreitetes Gefühl, dass “Bibi gehen muss”. Ein neues Gefühl, dass es eine Chance gibt, ihn und auch Sarah'le, seine unpopuläre Ehefrau, loszuwerden.




Jun 17, 2016

 

 

Uri Avnery, 11.6.15

 

EINMAL HÖRTE ich die folgende Geschichte vom schwedischen Botschafter in Paris:

 

„1977, als die UN den Plan zur Teilung Palästinas diskutierte, war ich ein Mitglied des Unterkomitees , das sich mit Jerusalem befasste. Eines Tages sandten die Juden einen neuen Vertreter. Sein Name war Abba Eban. Er sprach ein wunderbares Englisch, viel besser als der britische oder US-Miglied des Komitees. Er sprach über eine halbe Stunde und am Ende war keine Person mehr im Saal, die ihn nicht abgrundtief hasste.“

 

Ich erinnerte mich an diese Episode, als ich im Fernsehen die Pressekonferenz von Dore Gold, dem General-Direktor unsres Außenministeriums sah. Ihr Thema war die vor kurzem statt gefundene Pariser Friedenkonferenz, die streng von unserer Regierung denunziert wurde.

 

Von dem Augenblick an, als ich Gold zum ersten Mal sah, war er mir unsympathisch. Er war damals unser neuer Gesandter bei der UN. Ich sagte mir, dass meine Haltung eine unwürdige Zurückweisung für ausländische Juden (Exil Juden“ im israelischen Slang) ist. Gold sprich hebräisch mit einem sehr starken amerikanischen Accent, Er ist kein Appolo

 

Ich würde als unsern Vertreter einen aufrechten, israelisch aussehenden Pioniertyp bevorzugen, der englisch mit einem ausgesprochenen hebräischen Accent bevorzugen ( Ich weiß, dies klingt rassistisch und schäme mich selbst durch und durch.

 

 




Jun 4, 2016

Uri Avnery, 4. Juni 2016

 

ICH HABE kürzlich das deutsche Wort „Gleichschaltung“ erwähnt – eines der typischsten Wörter des Nazi- Vokabulars.

 

„Gleich“ bedeutet „ dasselbe“, Schaltung bedeutet „Verbindung zum elektrischen Strom“. Das lange deutsche Wort bedeutet, dass jeder im Staat auf dieselbe Art vernetzt ist – auf Nazi-Art.

 

Dies war ein wesentlicher Teil der Nazi- Transformation Deutschlands. Aber es geschah nicht auf dramatische Weise. Der Austausch der Leute war langsam, fast unmerklich. Am Ende waren alle bedeutenden Positionen im Land mit Nazi-Funktionären besetzt.

 

 




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Texte von Uri Avnery

Aug 16, 2014

Ohne Augen in Gaza


Uri Avnery, 16. August 2014

DAS PROBLEM  mit dem Krieg ist, dass er zwei Seiten hat.

Alles würde so viel leichter sein, wenn der Krieg nur eine Seite hätte. Natürlich die unsrige.

Da bist du und heckst einen wunderbaren Plan für den nächsten Krieg aus, bereitest ihn vor, trainierst für ihn, bis alles perfekt ist.

Und dann beginnt der Krieg, und zu deiner größten Überraschung scheint es auch eine andere Seite zu geben, die auch einen wunderbaren Plan hat, sich vorbereitet und trainiert hat.










Wenn sich die beiden Pläne treffen, geht alles falsch. Beide Pläne brechen zusammen. Du weißt nicht, was sich ereignet. Wie sollst du weitermachen? Du machst Dinge, die nicht geplant waren. Und wenn du genug davon hast, willst du hinaus und weißt nicht wie. Es ist um vieles schwieriger, einen Krieg zu beenden, als ihn anzufangen, besonders, wenn beide Seiten den Sieg erklären müssen.

Da sind wir jetzt.



WIE HAT er angefangen? Das hängt davon ab, wo man anfangen will.

Wie alles andere  ist jedes Ereignis in Gaza eine Re-Aktion auf ein anderes Ereignis. Man tut etwas, weil die andere Seite etwas getan hat.  Und die tut etwas, weil man etwas tat. Man kann  dies  entwirren bis zum Beginn der Geschichte oder wenigsten bis Simson, dem Held.

Man erinnere sich an Simson, der von den Philistern gefangen genommen, geblendet und nach Gaza gebracht wurde. Dort beging er Selbstmord, indem er den Tempel auf sich herunterriss, und rief: "Lasst meine Seele mit den Philistern sterben!" (Richter 16,30)

Wenn das zu lange zurück liegt, beginnen wir mit dem Anfang der gegenwärtigen Besatzung 1967.

(Davor gab es noch eine vergessene Besatzung. Als Israel den Gazastreifen und den ganzen Sinai im Laufe des 1956er-Suez-Krieges eroberte, erklärte David Ben Gurion  die Gründung des „Dritten Israelischen Königreiches“, um nur wenige Tage später mit gebrochener Stimme zu verkünden, dass er Präsident Dwight Eisenhower versprochen hatte, sich von der ganzen Sinai-Halbinsel zurückzuziehen. Einige israelische Parteien drängten ihn, wenigstens den Gazastreifen zu halten, aber er weigerte sich. Er wollte keine hundert Tausende  Araber mehr  in Israel  haben.)

Einer meiner Freunde erinnerte mich an einen meiner Artikel, den ich zwei Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg geschrieben hatte, in dem wir Gaza noch einmal besetzten. Ich hatte grade herausgefunden, dass zwei arabische Straßenbauer, einer von der Westbank und der andere vom Gazastreifen genau dieselbe Arbeit machten, aber verschiedene Löhne bekamen. Der Mann aus Gaza bekam weniger.

Als Mitglied der Knesset forschte ich nach. Ein hochrangiger Beamter erklärte mir, dass dies ein politischer Entschluss wäre. Der Zweck war, die Araber dahin zu bringen, den Gazastreifen zu verlassen und in der Westbank  (oder sonst wo) zu siedeln, um die 400 000 im Gazastreifen lebenden Araber, meistens Flüchtlinge aus Israel, zu zerstreuen. Offensichtlich ging das nicht so gut – nun leben dort ungefähr 1.8 Millionen.

Im Februar 1969  warnte ich, "(dass  wenn wir so weitermachen)  wir vor einer schrecklichen Wahl stehen werden -  an einer Welle von Terror leiden, die das ganze Land überzieht oder mit Aktionen von Rache  und Unterdrückung  zu reagieren, die so brutal sein werden, dass sie unsere Seelen korrumpieren  und die ganze Welt dahin bringt, uns zu verurteilen.“

Ich erwähne dies nicht (nur), um mein eigenes Lob zu singen, sondern zu zeigen, dass jede vernünftige Person hätte voraussehen könnem, was heute geschieht.



ES BRAUCHTE für Gaza eine lange Zeit, um diesen Punkt zu erreichen.

Ich erinnere mich an einen Abend in Gaza Mitte der 90er-Jahre. Ich war zu einer palästinensischen Konferenz (über Gefangene) eingeladen worden, die mehrere Tage dauerte. Meine Gastgeber luden mich ein, mit Rachel in einem Hotel an der Küste zu übernachten. Gaza war damals ein netter Platz. Am späten Abend machten wir einen Spaziergang durch die Hauptstraße. Wir hatten freundliche Gespräche mit Leuten, die uns als Israelis erkannten. Wir waren glücklich.

Ich erinnere mich auch an den Tag, als die israelische Armee sich aus dem größten Teil des Streifens  zurückzog. In der Nähe von Gazastadt stand ein riesiger israelischer Wachturm, viele Stockwerke hoch, „so dass die israelischen Soldaten in jedes Fenster in Gaza schauen konnten“. Als die Soldaten gingen, kletterte ich bis in die Spitze, vorbei an Hunderten glücklicher Jungs, die rauf und runter gingen  wie die Engel auf der Leiter in Jakobs Traum in der Bibel.  Wieder waren wir glücklich.

Das war die Zeit, als Yasser Arafat, Sohn einer Familie aus dem Gazastreifen, nach Palästina zurückkehrte und sein Hauptquartier in Gaza hatte. Ein wunderschöner neuer Flughafen wurde (mit deutschen Geldern) gebaut. Pläne für einen großen neuen Seehafen  wurden herumgereicht.

(Ein großer holländischer Hafenbaubetrieb  wandte sich diskret an micht und bat mich, meine guten Beziehungen zu Arafat zu nützen, damit er ihnen den Job geben würde. Sie deuteten eine sehr große Gratifikation an. Ich weigerte mich höflich. Während all der Jahre,  die ich Arafat kannte, bat ich ihn nie um eine Gunst. (Ich denke, dass dies die Grundlage unserer ziemlich seltsamen Freundschaft war.)

Falls der Hafen gebaut worden wäre, wäre Gaza ein blühender  Handelsplatz geworden. Der Lebensstandard wäre steil angestiegen, die Neigung der Leute für eine radikal islamische Partei wäre geringer geworden.



WARUM GESCHAH das nicht? Israel weigerte sich, den Hafenbau zu genehmigen. Im Gegensatz zu einer klaren Verpflichtung im 1993er-Oslo-Abkommen, schnitt Israel alle Verbindungen zwischen dem Gazastreifen und der Westbank ab. Das Ziel war, jede Möglichkeit für den Aufbau eines lebensfähigen palästinensischen Staates zu verhindern.

Ministerpräsident Ariel Sharon evakuierte  mehr als ein Dutzend Siedlungen entlang der Gazaküste. Einer unserer Slogans vom rechten Flügel heißt: „Wir evakuierten den ganzen Gazastreifen, und was bekamen wir dafür? Qassam-Raketen!“ Also  können wir die Westbank nicht aufgeben.

Aber Sharon  gab den Streifen  nicht der Palästinensischen Behörde.  Die Israelis sind von der Idee besessen, „einseitig“ zu handeln. Die Armee zog sich aus dem Streifen zurück und hinterließ ein Chaos ohne eine Regierung – ohne ein Abkommen zwischen beiden Seiten.

Gaza versank im Elend. Bei den palästinensischen 2006-Wahlen unter der Aufsicht von Ex-Präsident Jimmy Carter gab die Bevölkerung von Gaza – wie die der Westbank – der Hamas eine relative Mehrheit.  Die Bevölkerung applaudierte.

Die israelische Regierung reagierte, indem sie eine Blockade errichtete. Nur begrenzte Mengen von Waren, die von der Besatzungsbehörde genehmigt wurden, wurden durchgelassen. Ein amerikanischer Senator machte einen Höllenspektakel, als er herausfand, dass Nudeln als ein Sicherheitsrisiko angesehen  und nicht hineingelassen wurde. Praktisch wurde auch nichts herausgelassen - was vom Standpunkt der „Sicherheit“ und des Waffen-„Schmuggels“ unbegreiflich ist, aber vom Standpunkt des Strangulierens des Gazastreifens klar ist.

Der Streifen ist, grob gesagt, 40km lang und 10km breit. Im Norden und im Osten grenzt er an Israel, im Westen grenzt er ans Meer, der von der israelischen Flotte kontrolliert wird. Im Süden grenzt er an Ägypten, das jetzt von einer brutalen anti-islamischen Diktatur beherrscht wird und mit Israel liiert ist.  Wie der Slogan aussagt: Es ist „das größte Freiluftgefängnis der Welt“.



BEIDE SEITEN  behaupten jetzt, es sei ihr Ziel, dieser Situation ein Ende zu machen. Aber sie meinen zwei sehr verschiedene Dinge.

Die israelische Seite wünscht, dass die Blockade bleibt, aber in einer liberaleren Form.  Nudeln und vieles andere soll in den Streifen hineingelassen werden, aber unter strenger Überwachung. Kein Flughafen. Kein Seehafen. Hamas muss an der Wiederbewaffnung gehindert werden.

Die palästinensische Seite  wünscht, dass die Blockade ein für alle Mal verschwindet, auch offiziell. Sie wünschen ihren Hafen und den Flughafen. Sie verweigern nicht eine Überwachung entweder international oder durch die palästinensische Einheitsregierung unter Mahmoud Abbas.

Wie diesen Kreis in ein Quadrat verwandeln, besonders wenn der „Vermittler“  der ägyptische Diktator ist, der praktisch als Agent Israels handelt? Es ist ein Kennzeichen der Situation, dass die US als Vermittler verschwunden ist. Nach den sinnlosen Friedensvermittlungsbemühungen John Kerrys, wird die USA jetzt allgemein im ganzen Nahen Osten verachtet.

Israel kann Hamas nicht „zerstören“, wie unsere halbfaschistischen Politiker (auch in der Regierung)  laut fordern.  Außerdem wünschen sie das gar nicht wirklich. Wenn die Hamas „zerstört“ ist, würde der Gazastreifen  der palästinensischen Behörde  (nämlich Fatah) übergeben werden. Das würde die Wiedervereinigung der Westbank mit Gaza bedeuten – nach all den lang andauernden und erfolgreichen  israelischen Bemühungen, sie zu teilen. Das ist nicht gut.

Falls Hamas bleibt, kann Israel der „Terror-Organisation“ nicht erlauben, zu gedeihen.  Eine Entspannung der Blockade wird nur begrenzt möglich sein – wenn überhaupt. Die Bevölkerung wird Hamas sogar noch mehr schätzen und von Rache für die schreckliche Zerstörung  träumen, die Israel während des letzten Krieges anrichtete. Der nächste Krieg wird schon um die nächste Ecke sein – wie fast alle Israelis sowieso denken.

Am Ende werden wir dort sein, wo wir anfangs waren.



ES KANN keine wirkliche Lösung für Gaza geben, ohne eine wirkliche Lösung für Palästina.

Die Blockade muss enden mit ernsthaften Sicherheitsbedenken auf beiden Seiten in Rechnung gezogen.

Der Gazastreifen und die Westbank (mit Ost-Jerusalem) müssen vereint werden.

Die vier „sicheren Durchfahrtswege“ zwischen den beiden Gebieten – im Oslo-Abkommen versprochen – müssen endlich geöffnet werden.

Dann muss es längst fällige palästinensische Wahlen für die Präsidentschaft und das Parlament geben, mit einer neuen Regierung, die von allen palästinensischen Fraktionen  und von der Weltgemeinschaft anerkannt wird, einschließlich Israel und der USA.

Eine ernsthafte Friedensverhandlung, die  sich auf die zwei-Staaten-Lösung gründet, muss beginnen und innerhalb einer vernünftigen Zeitspanne zum Ziel kommen.

Hamas muss  offiziell  das Friedensabkommen akzeptieren, das bei dieser Vierhandlung erreicht wird.

Israels legitime Sicherheitsanliegen müssen  berücksichtigt werden.

Der Gaza-Hafen muss geöffnet werden, um den Gazastreifen und den ganzen Staat Palästina  in die Lage  zu versetzen, Waren zu importieren und zu exportieren.

Es hat keinen Sinn, eines dieser Probleme getrennt zu „lösen“. Sie müssen gemeinsam gelöst werden. Sie können auch gemeinsam gelöst werden.

Es sei denn, wir wollen von einer Runde zur nächsten gehen, ohne Hoffnung und Erlösung.  

„Wir“ -  die Israelis und Palästinenser – die von diesem Krieg gemeinsam umschlungen sind.

Oder  tun, was Simson tat:  Selbstmord begehen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)


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