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Jun 17, 2016

 

 

Uri Avnery, 11.6.15

 

EINMAL HÖRTE ich die folgende Geschichte vom schwedischen Botschafter in Paris:

 

„1977, als die UN den Plan zur Teilung Palästinas diskutierte, war ich ein Mitglied des Unterkomitees , das sich mit Jerusalem befasste. Eines Tages sandten die Juden einen neuen Vertreter. Sein Name war Abba Eban. Er sprach ein wunderbares Englisch, viel besser als der britische oder US-Miglied des Komitees. Er sprach über eine halbe Stunde und am Ende war keine Person mehr im Saal, die ihn nicht abgrundtief hasste.“

 

Ich erinnerte mich an diese Episode, als ich im Fernsehen die Pressekonferenz von Dore Gold, dem General-Direktor unsres Außenministeriums sah. Ihr Thema war die vor kurzem statt gefundene Pariser Friedenkonferenz, die streng von unserer Regierung denunziert wurde.

 

Von dem Augenblick an, als ich Gold zum ersten Mal sah, war er mir unsympathisch. Er war damals unser neuer Gesandter bei der UN. Ich sagte mir, dass meine Haltung eine unwürdige Zurückweisung für ausländische Juden (Exil Juden“ im israelischen Slang) ist. Gold sprich hebräisch mit einem sehr starken amerikanischen Accent, Er ist kein Appolo

 

Ich würde als unsern Vertreter einen aufrechten, israelisch aussehenden Pioniertyp bevorzugen, der englisch mit einem ausgesprochenen hebräischen Accent bevorzugen ( Ich weiß, dies klingt rassistisch und schäme mich selbst durch und durch.

 

 




Jun 4, 2016

Uri Avnery, 4. Juni 2016

 

ICH HABE kürzlich das deutsche Wort „Gleichschaltung“ erwähnt – eines der typischsten Wörter des Nazi- Vokabulars.

 

„Gleich“ bedeutet „ dasselbe“, Schaltung bedeutet „Verbindung zum elektrischen Strom“. Das lange deutsche Wort bedeutet, dass jeder im Staat auf dieselbe Art vernetzt ist – auf Nazi-Art.

 

Dies war ein wesentlicher Teil der Nazi- Transformation Deutschlands. Aber es geschah nicht auf dramatische Weise. Der Austausch der Leute war langsam, fast unmerklich. Am Ende waren alle bedeutenden Positionen im Land mit Nazi-Funktionären besetzt.

 

 




May 28, 2016

Uri Avnery

 

28.5.2016

 

„DEN BESTEN fehlt es an Überzeugungen, während die Schlechteste voll leidenschaftlicher Intensität ist“

 

Gibt es eine bessere Beschreibung für das, was jetzt in Israel geschieht?

 

Doch diese Worte wurden vor fast hundert Jahren von dem irischen Dichter W.B.Yeats geschrieben.

 

 




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Texte von Uri Avnery

Aug 30, 2014

Der Krieg für nichts


Uri Avnery, 30.8.14.

NACH 50 TAGEN ist der Krieg  vorbei. Halleluja!

Auf der palästinensischen Seite: 2145 Tote, etwa 577 von ihnen Kinder, 263 Frauen, 102 alte Leute, 11 230 Verletzte, 3374 Kinder; 10 800 Gebäude zerstört, 7600 teilweise zerstört. ungefähr 40 000  Wohnungen beschädigt, 8000 teilweise  beschädigt. Unter den beschädigten Gebäuden : 277 Schulen, 10 Krankenhäuser, 70 Moscheen, 2 Kirchen. 4750 Kriegsvertriebene Auch  12 Westbankdemonstranten, meistens Kinder, die erschossen wurden.







Auf der israelischen Seite 70 Tote, unter ihnen 64 Soldaten, ein Kind.

Wozu also dieser Krieg? Die ehrliche Antwort ist:  für nichts.

Keine Seite wünschte ihn. Keine Seite begann ihn. Er geschah einfach so.



LASST UNS  die Ereignisse rekapitulieren, bevor sie vergessen sind:

Zwei junge Araber kidnappten drei junge israelische religiöse Studenten  nahe der Westbank-Stadt Hebron. Die Entführer gehörten zur Hamas-Bewegung, handelten aber aus eigenem Entschluss. Der Zweck war:  ihre Gefangenen  gegen palästinensische Gefangene auszutauschen. Gefangene befreien, ist jetzt der  größte Ehrgeiz eines jeden palästinensischen Militanten.

Die Entführer waren Amateure, und ihr Plan misslang von Anfang an. Sie gerieten in Panik, als ein Student sein Mobiltelefon benützte, und erschossen die Geiseln. Ganz Israel geriet in Aufruhr. Die Entführer sind noch nicht gefunden worden.

Die israelischen Sicherheitsdienste  nützten die Gelegenheit, einen vorbereiteten Plan zu erfüllen. Alle bekannten Hamas-Militanten der Westbank wurden wie auch all die früheren Gefangenen, die im Zusammenhang mit der Freilassung der israelischen Geisel Gilad Shalit, frei kamen, verhaftet. Für Hamas war dies die Verletzung eines Abkommens.

Die Hamas-Führung im Gazastreifen konnte nicht ruhig bleiben, während ihre Kameraden in der Westbank  ins Gefängnis kamen. Sie reagierten mit dem Abfeuern von Raketen auf israelische Städte und Dörfer.

Die israelische Regierung konnte sich nicht ruhig verhalten, während ihre Städte und Dörfer bombardiert wurden. Sie antwortete mit einem schweren Bombenangriff au den Gazastreifens aus der Luft.

Von da an war es nur ein endloser Blutrausch  von Tod und Zerstörung. Der Krieg schrie nach einem Zweck.

Hamas tat dann etwas, das meiner Meinung nach, ein großer Fehler war. Sie benützte einige der geheimen Tunnels, die sie unter dem Grenzzaun gebaut hatte, um israelische Ziele anzugreifen. Den Israelis wurde plötzlich diese Gefahr bewusst, die die Armee als unbedeutend angesehen hatte.

Der sinnlose Krieg bekam einen Sinn. Es wurde der Krieg gegen die Tunnels. Die Infanterie wurde in den Gazastreifen geschickt, um sie zu suchen und zu zerstören.

80 000 Soldaten  drangen in den Streifen ein.  Nachdem sie alle bekannten Tunnels zerstört hatten, hatten sie nichts mehr zu tun, außer herumzustehen und als Zielscheibe für den Tod zu dienen.

Der nächste logische Schritt wäre der gewesen sein, sich vorwärts zu bewegen       und den ganzen Gazastreifen  zu erobern: 45km lang und im Durchschnitt 6km breit mit 1,8 Millionen Einwohnern.  Vier- mal größer als Manhattan-Insel mit etwa derselben Anzahl von Bewohnern.

Aber die israelische Armee verabscheute die Idee, den Streifen zum dritten Mal zu erobern (nach 1956 und 1967). Als die Soldaten das letzte Mal den Streifen verließen, sangen sie („Goodbye Gaza auf Nimmerwiedersehen!“). Voraussagende Schätzungen  von Verlusten  waren hoch,  viel mehr als die israelische Gesellschaft zu erleiden bereit war, trotz all der patriotischen Übertreibung.

Der Krieg verkam zu einer Orgie von Töten und Zerstören, auf beiden Seiten „ein Tanz auf  Blut“, jede Bombe  und Rakete segnend, völlig apathisch gegenüber dem Leiden, das sie den Menschen auf der andern Seite  verursachten. Und immer noch ohne ein realisierbares Ziel.



WENN CLAUSEWITZ  Recht hatte, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln, dann müsste jeder Krieg ein klares politisches Ziel haben. Für Hamas war das Ziel klar und einfach: Aufhebung der Blockade von Gaza.

Für Israel gab es keines. Benjamin Netanjahu definierte sein Ziel:  „ Ruhe für  Ruhe“. Aber wir hatten sie, bevor alles anfing.

Einige seiner Kabinett-Kollegen verlangten, bis zum Ende zu gehen und den ganzen Gazastreifen zu besetzen. Das Armeekommando war dagegen, und man kann  keinen Krieg gegen die Wünsche des Armee-Kommandos führen. So stand also jeder herum und wartete auf Godot.

Was brachte nun das End- Abkommen der Feuerpause?

Beide Seiten waren erschöpft. Auf der israelischen Seite war es „der Strohhalm, der den Rücken des Kamels brach“, die schwierige Lage der Siedlungen rund um Gaza,  was man den „Gaza-Umschlag“ nannte. Unter dem unaufhörlichen  Sperrfeuer von Raketen aus kurzer Entfernung und – noch schlimmer – die Mörser- Granaten, die fast nichts kosten, ließen die Bewohner, meistens Kibbuz-Mitglieder, anfangen,  still sicherere Regionen aufzusuchen.

Das war  schon fast ein Sakrileg. Einer der Gründungsmythen Israels war im 1948erKrieg, in dem der Staat geboren wurde: die arabischen Dörfler und Städter rannten weg, wenn sie beschossen wurden,  während unsere Siedlungen  festblieben, selbst in der Mitte der Hölle.

Es war nicht ganz so. Mehrere Kibbuzim wurden auf Armee -Order hin evakuiert, wenn ihre Verteidigung unmöglich wurde. In mehreren andern wurden Frauen und Kinder weggeschickt, während Männern der Befehl gegeben wurde, zu bleiben und mit den Soldaten zu kämpfen. Aber im großen Ganzen standen israelische Siedlungen fest und kämpften.

Aber 1948 war ein ethnischer Krieg um Land. Evakuiertes Land war auf immer  (oder bis zum nächsten Krieg) verloren. Dieses Mal war die ganze Begründung anders.



LEBEN IM „Umschlag“ wurde unmöglich. Die Sirenen tönten mehrere Male innerhalb einer Stunde, und jeder hatte 15 Sekunden Zeit, einen Schutzraum aufzusuchen. Der Lärm um die Evakuierung wurde offen und laut. Hunderte von Familien zogen weg. Der Mythos wurde außer Acht gelassen, und die Regierung wurde gezwungen, eine Massenbewegung zu organisieren. Das sah nicht nach Sieg aus.

Die palästinensische Seite erlebte eine schreckliche Tortur. Über 400 000 Leute mussten ihre Wohnungen verlassen. Ganze Familien fanden Unterkunft in UN-Gebäuden, mehrere Familien in einem Raum oder in einer Ecke des Hofes, ohne Strom und mit sehr wenig Wasser, Mütter mit 6,7,8 Kindern. Und viele obdachlose Waisenkinder streunen nun  ziellos durch die Gegend. In unserm Kindergarten in Gaza sind 120 Flüchtlinge.

( Man stelle sich vor, was das bedeutet: eine Familie, arm oder reich, muss ihre Wohnung innerhalb von Minuten verlassen, sie ist nicht in der Lage, etwas mitzunehmen, keine Kleidung, kein Geld, keine Familienalben, sie können gerade die Kinder sammeln und rennen, während hinter ihnen das Haus in sich zusammenbricht. Die Arbeit eines ganzen Lebens und Erinnerungen sind in Sekunden zerstört. Die jungen Männer waren längst gegangen, sie lebten in geheimen Untergrundtunnels, die für den wichtigen Kampf vorbereitet waren.)

Es ist fast ein Wunder, dass unter diesen Bedingungen die Hamas-Regierung und die Kommandostruktur funktionierten.  Befehle kamen von  versteckten Führern zu versteckten Zellen; Kontakte wurden mit Führern im Ausland und zwischen verschiedenen Organisationen geknüpft, während Spion-Drohnen über ihnen flogen und jeden zivilen Führer oder Kommandeur, der sein Gesicht zeigte, tötete.

Nach der Aktion, bei der der  militärische Oberkommandeur Mohammad Daif getötet wurde (was nicht ganz sicher ist), fing Hamas an, die pal. Informanten zu erschießen, ohne die solche Aktionen unmöglich wären. (In meiner Zeit als Junior-Terroristen  taten wir dasselbe.)

Aber mit all ihrem bemerkenswerten Einfallsreichtum konnte die Hamas nicht auf immer gehen. Ihre großen Lager mit Raketen und Mörser-Granaten entleerten sich. Auch sie benötigten ein Ende.

Das Ergebnis? Klar ein Unentschieden. Aber, wie ich schon vorhersagte, wenn eine kleine Widerstandsorganisation  gegenüber einer der mächtigsten Militärmaschinerien der Welt ein Unentschieden erreicht, war es ein Grund zu feiern, wie sie es auch taten: am 50.Tag des Krieges für Nichts.



WAS VERLOREN beide Seiten?

Die Palästinenser haben riesige materielle Verluste. Tausende von Wohnungen wurden zerstört, um ihren Geist zu brechen. Einige mit magerem Vorwand, andere ohne irgendeinen. In den letzten Tagen zerstörte die Luftwaffe systematisch die luxuriösen Hochhäuser im Zentrum von Gaza.

Die palästinensischen menschlichen Verluste waren ebenfalls enorm. Die Israelis weinten keine Träne.

Auf der israelischen Seite waren die menschlichen und materiellen Verluste vergleichsweise klein.  Wirtschaftliche Verluste waren  bedeutsam, aber erträglich. Es sind die unsichtbaren Verluste, die zählen.

Die Delegitimation Israels in aller Welt nimmt zu. Millionen Menschen haben die täglichen Bilder aus Gaza gesehen, und bewusst oder unbewusst hat sich ihr Bild von Israel verändert. Für viele ist das „ tapfere kleine Land“ zu einem brutalen Monster geworden.

Antisemitismus nimmt in gefährlicher Weise zu, wird uns erzählt. Israel behauptet, der National-Staat des jüdischen Volkes zu sein, und die meisten Juden verteidigen Israel und identifizieren sich mit ihm.  Die neue Wut gegen Israel sieht manchmal wie der Antisemitismus  in alten Zeiten aus, und manchmal ist er es auch.

Wir wissen nicht, wie viele Juden  vom Antisemitismus nach Israel getrieben werden. Wir wissen auch nicht, wie viele Israelis von dem ewigen Krieg nach Deutschland, den USA oder Kanada getrieben werden

Man neigt dazu, den gefährlichsten Aspekt zu übersehen. Ein riesiger Hass ist in Gaza geschaffen worden. Wie viele der Kinder, die  wir mit ihren Müttern von ihren  Wohnungen wegrennen sahen, werden  „Terroristen“ von morgen  werden?

Millionen Kinder  in der ganzen arabischen Welt haben die Bilder gesehen, die täglich durch Aljazeera in die Wohnungen strahlten; und werden so bittere Hasser Israels. Aljazeera ist eine Weltmacht. Während seine  englischsprachige Version versuchte, moderat zu sein, hatte die arabische Version hatte keine  Bremsen – Stunde um Stunde brachte sie ihre Berichte und zeigte  die herzerbrechenden Bilder aus Gaza, die getöteten Kinder, die zerstörten Häuser.

Auf der andern Seite ist die generationenalte Feindschaft der arabischen Regierungen  gegen Israel gebrochen: Ägypten, Saudi-Arabien und alle Golfstaaten (außer Qatar) arbeiten jetzt offen mit Israel zusammen.

Kann dies politische Früchte in der Zukunft bringen? Es könnte, wenn unsere Regierung wirklich an Frieden interessiert wäre.

In Israel selbst hat der Faschismus seinen hässlichen und unverkennbaren Kopf emporgehoben. „Tod den Arabern“ und „Tod den Linken“ ist zu einem legitimen Schlachtruf geworden. Einige dieser widerlichen Wellen werden hoffentlich schwinden, aber einige werden wohl bleiben und zu einem regulären Charakterzug werden.

Netanjahus persönliches Schicksal ist  hinter Wolken verborgen. Während des Krieges stieg seine Popularität sehr. Jetzt ist sie im  freien Fall. Es genügt nicht, Reden über den Sieg zu halten. Der Sieg muss gesehen werden, wenn möglich ohne Mikroskop.

Krieg ist eine Sache der Macht. Die Fakten, die auf dem Schlachtfeld geschaffen  werden, spiegeln sich in den politischen Folgen wider. Wenn die Schlacht mit einem unentschieden endet, werden die politischen Folgen auch unentschieden sein. Über die Illusion des Sieges hat schon König Pyrrhus von Epirus gesagt: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)



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