Der Frieden zwischen Israel und Palästina ist möglich !!

Uri Avnery vertritt seit 1948 die Idee des israelisch-palästinensischen Friedens und die Koexistenz zweier Staaten: des Staates Israel und des Staates Palästina, mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt. Uri Avnery schuf eine Weltsensation, als er mitten im Libanonkrieg (1982) die Front überquerte und sich als erster Israeli mit Jassir Arafat traf. Er stellte schon 1974 die ersten geheimen Kontakte mit der PLO-Führung her.

  • Uri Avnery trifft Jassir Arafat - Foto Uri Avnery 1982

  • Festakt zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille 2008 der Internationalen Liga für Menschenrechte. Von links nach rechts: Mohammed Khatib & Abdallah Aburama (Bürgerkomitee von Bil'in), Rachel Avnery, Fanny-Michaela Reisin (Präsidentin der Liga), Uri Avnery, Adi Winter & Yossi Bartal (Anarchists against the wall) - Foto Michael F. Mehnert CC BY-SA 3.0

  • Bild Interview Sternenjaeger.ch Copyright 2012 - sternenjaeger.ch

Texte von Uri Avnery

Jul 25, 2015

Sheldons Handlanger


Uri Avnery, 25. Juli 2015

IM JAPAN der guten alten Zeiten würde Benjamin Netanjahu jetzt Harakiri begangen haben.

Im England jener Zeiten würde der König ihn als Gouverneur zur entferntesten Insel im Pazifischen Ozean  gesandt haben.

In Israel muss seine Popularität steigen.

Weil in unserm Land das alte Sprichwort eine neue Wendung erhält: Nichts hat so viel Erfolg wie Misserfolg.

UND WAS für einen Misserfolg! WAU!!!

Praktisch hat er dem Präsidenten der USA, dem Führer der freien Welt, dem obersten Beschützer des Jüdischen Staates, den Krieg erklärt.



Es ist noch nicht  so lange her, dass man gedacht hatte, dass dies unmöglich sei. Aber für Benjamin Netanjahu ist nichts unmöglich.

Für jemanden, der gerade vom Planeten Mars zu einem Besuch kommt, ist hier eine kurze Liste über Israels Abhängigkeit von den USA: es bekommt von ihnen den Hauptteil seiner schweren Waffen und muss sie nicht einmal bezahlen, es kann sich darauf verlassen, dass sie  alle UN-Sicherheits-Resolutionen, die Israels Taten und Untaten verurteilen,  mit einem Veto belegen; es erhält jedes Jahr von den US Milliarden Dollar, obwohl die israelische Wirtschaft blüht.

Da gibt es noch eine Unterstützung, die oft übersehen wird. Da die Welt glaubt, beide Häuser des US-Kongresses seien Israel unterwürfig, zahlen viele Länder Israel für den Zugang zum Kongress. Man muss den Türhüter bestechen, um hineinzugelangen.

Wenn ein israelischer Ministerpräsident mit dem Präsidenten der US einen Streit beginnt, sieht das wie reiner Wahnsinn aus – und tatsächlich ist es das auch.

Doch Netanjahu ist nicht unvernünftig, auch wenn seine Aktionen dies suggerieren. Er ist nicht einmal ein Tor.

Was also - zum Teufel - denkt er, was er tut?

DAFÜR GIBT es mehrere mögliche Erklärungen, die mir einfallen.

Die eine verwöhnt die israelische Öffentlichkeit. Weit davon entfernt, einen neuen Juden zu schaffen, wie es der Zionismus versprochen hat, dominiert der alte Jude in Israel. Der alte Jude glaubt, dass die ganze Welt antisemitisch sei, und jeder neue Beweis erfüllt ihn mit Genugtuung. Man sieht es,  die Gojim haben sich überhaupt nicht verändert.

Netanjahus Popularität wächst mit jeder neuen Manifestation ausländischer Feindseligkeit. Wenn selbst die Amerikaner, die so lange vorgaben, ein Freund Israels zu sein, uns an die antisemitischen Iraner verkaufen, dann brauchen wir einen starken und standhaften Führer. Kurz gesagt – Netanjahu.  

Eine andere plausible Erklärung für Netanjahus Verhalten mag seine tatsächliche Überzeugung sein, dass es kein US-Senator oder Abgeordneter jemals wagen würde, AIPACS Befehle abzuschütteln, weil er weiß, dies würde das Ende seiner (oder ihrer) politischen Karriere sein. Wie die größten Antisemiten glaubt Netanjahu, dass die Juden die Welt oder wenigstens den US-Kongress beherrschen. Im entscheidenden Augenblick wird der Kongress für AIPAC und gegen den US-Präsidenten stimmen.

Eine andere Erklärung könnte sein – so paradox es klingt – ein blinder Glaube an die Integrität von Obama. Netanjahu denkt, dass er ihn auf den Kopf schlagen, ihm ins Gesicht spucken und in den Hintern stoßen kann– und Obama würde cool, ja, vernünftig reagieren und Israel weiter unterstützen – mit Ausnahme des Iran-Abkommens. Er wird weiter Waffen und Dollars senden, die Resolutionen des Sicherheitsrates mit einem Veto belegen, seine Anrufe aus Israel mitten in der Nacht empfangen.

Man weiß doch, wie diese Amerikaner sind. Unterwürfig. Besonders die Schwarzen.

ABER DA kann es noch eine andere Erklärung geben, die alle andern übertrumpft.  

Den US-Präsidenten, seine Regierung und seine Partei beleidigen, bedeutet, dass Netanjahu mit unserer Zukunft spielt. Dies bringt uns zum Weltherrscher des Glücksspiels, dem König von Las Vegas, dem Fürst von Macao, zu Sheldom Adelson.

Adelson verbirgt nicht seine Unterstützung Netanjahus, dem Mann, der Familie und der Partei. Er gibt große Summen Geldes für eine hebräische Tageszeitung aus, die gratis an Israelis verteilt wird, ob sie es wollen oder nicht wollen. Es ist jetzt die größte Zeitung in Israel und  persönlich Netanjahu, dem Mann,  und seiner Frau gewidmet. Sie hat keinen anderen Zweck.

Doch Sheldon Adelson scheint kein wirkliches Interesse an Israel zu haben. Er lebt nicht hier, auch nicht zeitweilig. Was bekommt er also dafür?

Adelson hat Netanjahu aus einem einzigen Grund gekauft: um einen seiner Strohmänner im Weißen Haus zu platzieren. Es ist ein Ziel, von dem ein anderer Multi-Milliardär nicht einmal träumen kann.

Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt Adelson die Republikanische Partei als Leiter. Er muss ihren Kandidaten für die Präsidentschaft auswählen, Hillary Clinton besiegen und die Wahlen gewinnen. Um bei all diesen Aufgaben Erfolg zu haben, muss er die gewaltige Macht der pro-Israel-Lobby über den US-Kongress mobilisieren und Präsident Obama fertig machen.

Der erste Schritt auf diesem langen Marsch ist es, das Iran-Abkommen zu vereiteln. Netanjahu ist nur gerade ein Zahnrädchen in diesem großen Entwurf. Aber ein sehr wichtiges Zahnrädchen.

Sieht dies wie eine Karikatur im „Stürmer“ aus, dem berüchtigten antisemitischen Nazi-Blatt, oder noch schlimmer, wie eine Seite aus den ‚Protokollen der Weisen von Zion‘, der bekannten antisemitischen Fälschung? Es ist das klassische antisemitische Bild: der hässliche Finanzjude, der um die Weltherrschaft kämpft.

Für einen Israeli steckt in diesem Bild etwas Ekelhaftes. Die zionistische Vision wurde aus der totalen Ablehnung dieser Karikatur geboren. Die Juden würden mit Effektengeschäften  und Geldverleih aufhören. Juden würden im Schweiß ihres Angesichtes das Land pflügen, produktive Handarbeit leisten, alle Arten  parasitärer Spekulationen zurückweisen. Dies wurde  als solch hohes Ideal angesehen, dass es sogar die Vertreibung der einheimischen arabischen Bevölkerung rechtfertigte.

Und hier sind wir nun: ein Staat, der den Befehlen eines internationalen Kasino-Moguls folgt, dessen Beschäftigung vielleicht die unproduktivste im Kosmos ist. Traurig.

GIBT ES eine tapfere Opposition gegen diesen Kurs in Israel? Nein, buchstäblich keine.

In meinem langen Leben in Israel habe ich niemals etwas gesehen, das einer totalen Abwesenheit von Opposition so nahe ist, wie wir sie jetzt haben.

Wenige Stimmen in Haaretz, einige einsame Äußerungen vom extremen linken Rand – und das war es dann schon.

Abgesehen von diesen (einschließlich Gush Shalom), nichts außer donnerndem Applaus für Netanjahu  oder schrecklicher Friedhofsstille.

Das Abkommen ist „schlecht“. Nein, nicht nur schlecht, sondern „katastrophal“.  Nicht nur katastrophal, sondern „eines  der schrecklichsten Desaster in der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes“. Etwas das sich einem „Zweiten Holocaust“ nähert. (Ich hab dies nicht erfunden.)

Netanjahus oberflächliche Argumente werden als heilige Wahrheiten akzeptiert, wie die Äußerungen der anderen großen jüdischen Propheten. Keiner bemüht sich, die entsprechende Frage zu stellen: Warum?

Die Sonne geht am Morgen auf. Die Flüsse münden ins Meer. Der Iran wird eine Atombombe bauen und sie über uns abwerfen, auch wenn sie dadurch auf sich eine historische Katastrophe bringt. Die Mullahs sind Nazis. Das Abkommen ist ein weiteres Münchner Abkommen. Obama ist ein neuer Neville Chamberlain, nur schwarz.

Keiner macht sich die Mühe, diese Behauptungen nachzuprüfen. Die Dinge sind so selbstverständlich.  Der Tag ist Tag – die Nacht ist Nacht.

ICH HABE in meinem Leben viele Situationen von fast einmütiger öffentlicher Meinung erfahren, besonders in Kriegszeiten. Aber in meinem ganzen Leben habe ich nie die Erfahrung solch einer Situation totaler Einmütigkeit, totaler Abwesenheit von Zweifeln und Fragen, gemacht wie jetzt.

Diese Situation ist nicht ohne Absurditäten. Zum Beispiel: der iranische Oberste Führer ist offensichtlich mit seinen eigenen Extremisten konfrontiert, die ihn anklagen, sich dem amerikanischen Satan zu verkaufen. Um sie zu befrieden, muss er behaupten, dass der Vertrag ein gewaltiger Sieg für die Islamische Republik ist, dass er die US (und Israel) auf ihre Knie gebracht habe. Die riesige Propagandamaschine von Netanjahu nimmt dies auf, zitiert es und verkauft es als absolute Wahrheit. Jeder weiß, dass die Iraner immer lügen, aber dieses Mal sagen sie es, wie es ist.

Yair Lapid, der Führer einer zusammengeschrumpften „Zentrums“-Partei, jetzt in der Opposition (Die Orthodoxen erlaubten Netanjahu nicht, ihn in die Regierung zu nehmen) denunziert das Abkommen als historisches Desaster für das jüdische Volk. Er fragt laut, warum wird Netanjahu nicht gezwungen, nach seinem Versagen abzutreten, um dieses Desaster zu verhindern?  Umso mehr, als es fähigere Führer gibt, die bereit sind, seinen Platz zu übernehmen und den Kampf zu führen, ein Mann mit Namen Yair Lapid.

Da ist tatsächlich etwas Paradoxes in Netanjahus Situation, wenn das Abkommen solch ein historisches Desaster ist, „eines der schlimmsten in der jüdischen Geschichte“, warum macht er in seinem Job weiter?

UM EINEN Ministerpräsidenten von seinem Amt abzusetzen, braucht man eine Opposition, um seinen Platz zu nehmen. Tatsächlich ist dies die Hauptaufgabe der Opposition.

Nicht hier.

Der Führer der Opposition (ein offizieller Titel in Israel) verurteilt das Abkommen in genau so starken Ausdrücken wie Netanjahu selbst. Er hat angeboten, in die USA zu gehen, um beim Kampf dagegen mitzuhelfen. Sein Konkurrent Yair Lapid, der Sohn eines Super-Nationalisten, ist sogar noch extremer als er. Der Führer der dritten Oppositionspartei ist Avigdor Lieberman; verglichen mit ihm, ist Netanjahu  ein linker Weichling. Da gibt es natürlich noch eine vierte Oppositionspartei – die Vereinigte Arabische Partei  - aber wer hört auf sie?

Man könnte vermuten, dass Israel – konfrontiert mit solch einem historischen Desaster –  von Debatten wimmeln würde. Aber wie kann man eine Debatte führen, wenn alle einer Meinung sind? Ich habe nicht eine einzige Diskussion im TV gesehen, noch eine in den Zeitungen, noch im Internet. Hier und da ein kleines Flüstern über Zweifel, aber eine Debatte ? Nirgendwo!

Tatsächlich kann man in Israel tagelang glücklich leben und überhaupt keine Andeutung einer historischen Katastrophe hören. Der Preis des Hüttenkäses weckt mehr Emotionen.

Also bewegen wir uns  glücklich auf das Desaster zu – es sei denn, einer von Sheldons Handlangern betritt mit Hilfe von Bibi das Weiße Haus.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, von Verfasser autorisiert)


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