Der Frieden zwischen Israel und Palästina ist möglich !!

Uri Avnery vertritt seit 1948 die Idee des israelisch-palästinensischen Friedens und die Koexistenz zweier Staaten: des Staates Israel und des Staates Palästina, mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt. Uri Avnery schuf eine Weltsensation, als er mitten im Libanonkrieg (1982) die Front überquerte und sich als erster Israeli mit Jassir Arafat traf. Er stellte schon 1974 die ersten geheimen Kontakte mit der PLO-Führung her.

  • Uri Avnery trifft Jassir Arafat - Foto Uri Avnery 1982

  • Festakt zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille 2008 der Internationalen Liga für Menschenrechte. Von links nach rechts: Mohammed Khatib & Abdallah Aburama (Bürgerkomitee von Bil'in), Rachel Avnery, Fanny-Michaela Reisin (Präsidentin der Liga), Uri Avnery, Adi Winter & Yossi Bartal (Anarchists against the wall) - Foto Michael F. Mehnert CC BY-SA 3.0

  • Bild Interview Sternenjaeger.ch Copyright 2012 - sternenjaeger.ch

Texte von Uri Avnery

Dec 27, 2008

85. Geburtstag


Mein Vater pflegte zu sagen: wenn die Situation schlecht ist, frage als erstes dich selbst, ob du in Ordnung bist. Also frage ich mich. Bin ich in Ordnung? Sind wir in Ordnung?


Uri Avnery


„Gush Shalom“ hatte meinem Wunsch zugestimmt, meinen 85. Geburtstag nicht mit einer öffentlichen Feier zu begehen wie dies an meinem achtzigsten Geburtstag der Fall war, sondern mit einem Brainstorming, das den Hauptproblemen Israels gewidmet sein sollte.

Die Veranstaltung fand am 21.12. 08 in Tel Avivs angesehener Cinematheque statt und zwar unter der Überschrift „Bis (weißer) Rauch aufsteigt – Ansichten und Konfrontationen.“ Sie bestand aus zwei Debatten, nämlich „Zwei Staaten für zwei Völker – realistisch oder unmöglich?“ und „Die Medien: dienen sie der politischen Macht und dem Geld oder der Öffentlichkeit?“

Im ersten Streitgespräch, die vom früheren Haaretz-Chefredakteur David Landau moderiert wurde, behaupteten Israela Oron (von der Genfer Initiative) und Gilad Sher (früherer Berater von Ehud Barak und ranghoher israelischer Vertreter bei der 2000 Camp-David-Konferenz), dass die Zwei-Staatenlösung realisierbar sei, während der Historiker Meron Benvenisti behauptete, sie sei unmöglich; während Dr. Menachem Klein (Bar Ilan Universität) eine mittlere Position vertrat.
Im zweiten Streitgespräch vertraten die bekannte Journalistinnen Ron Ben-Yishai (die in dem bemerkenswerten Film „Waltz with Bashir“ mitspielt) und Rina Matzliach, die israelischen Medien seien frei, während Prof. Yaron Ezrachi und der bekannte Journalist Ofer Shelach behaupteten, sie seien eingeschränkt.
Am Ende der Veranstaltung wurde ich aufs Podium gebeten: Hier ist, was ich sagte

Ein Kongress von Friedenssuchern

LIEBE FREUNDE, LIEBE PARTNER,

Ich muss zugeben, dass ich bewegt bin; denn während meines langen Lebens bin ich mit Äußerungen der Zuneigung nicht verwöhnt worden. Ich bin eher an Bekundungen von Hass gewöhnt. Deshalb entschuldigen Sie bitte, dass ich etwas verlegen bin.


EINIGE LEUTE FRAGEN mich: Wie fühlt man sich mit 85?

Nun, es ist seltsam. Schließlich war es erst gestern, als ich mit nur 42 Jahren das jüngste Mitglied in der Knesset war. Ich fühle mich nicht älter oder weiser als damals.

85 wird auf alte hebräische Weise mit den Buchstaben P und H ausgedrückt. PH kann poh – „hier“ bedeuten, und es stimmt, ich bin hier und beabsichtige noch eine Weile hier zu bleiben – zunächst einmal, weil es mir Freude macht, und zweitens, weil ich hier noch einige Dinge zu Ende bringen möchte.
PH kann aber auch Peh, „Mund“ bedeuten – der Mund befähigt mich, meine Gedanken zu äußern. Ich möchte diese Gelegenheit nützen, um mit Euch die Gedanken zu teilen, die mir heute durch den Kopf gehen.

Hat es mit den 85-Jährigen in Israel etwas Besonderes auf sich? Zunächst einmal sind wir die Generation, die den Staat gegründet hat. Als solche – meine ich – tragen wir eine besondere Verantwortung für das, was hier geschieht. Wenn unser Staat nicht zu dem geworden ist, was wir uns ursprünglich in unseren Träumen ausmalten– dann ist es unsere Pflicht, dies zu verändern.


UND HIER stehen wir vor einem seltsamen Widerspruch. Wir sind Mitstreiter im Rahmen eines bedeutenden historischen Erfolges – und wir sind ebenso Teilnehmer an einem bedrückenden Misserfolg.

Vielleicht können nur Leute meiner Generation vollständig die Größe des Erfolges bei der Umwandlung des nationalen Bewusstseins begreifen, auf die wir mittlerweile zurückschauen können.

Viele Leute fragen mich, woher ich meinen Optimismus nehme, nachdem die Situation so schlecht geworden ist und gute Leute von Depressionen und Verzweiflung heimgesucht werden. In solchen Augenblicken erinnere ich mich – und erinnere die Leute, die mir zuhören – daran, wie wir angefangen haben. Ich wiederhole dies immer wieder für die, die das nicht durchgemacht haben, und für jene, die dies vergessen haben.

Als einige von uns am Tage nach dem Krieg – dem Krieg von 1948 - sagten: es existiert ein palästinensisches Volk, und wir müssen mit ihm Frieden schließen, waren wir hier, ja, in der ganzen Welt, nur ein paar vereinzelte Leute. Wir wurden ausgelacht. Es gibt keine Palästinenser, wurde uns gesagt. „So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht!“ behauptete Golda Meir noch wesentlich später.

Gibt es heute jemand, der die Existenz des palästinensischen Volkes leugnet?

Wir behaupteten, um Frieden zu erlangen müsse ein palästinensischer Staat entstehen. Man lachte uns aus. Was denn? Wozu? Es gibt Jordanien, Ägypten, insgesamt 22 arabische Staaten – das genügt.

Heute ist es ein weltweiter Konsens - zwei Staaten für zwei Völker.

Wir sagten, dass wir mit den Feinden reden müssten – und der Feind war damals die PLO. Vier Kabinettsminister forderten, dass ich wegen Hochverrats vor Gericht gebracht werden sollte, nachdem ich mich mit Yasser Arafat während der Belagerung in Beirut getroffen hatte. Alle vier trafen sich später mit Arafat, und der Staat Israel unterzeichnete offizielle Verträge mit der PLO.

Die Verträge wurden zwar nicht erfüllt und führten nicht zum Frieden. Aber die gegenseitige Anerkennung zwischen Israel und der PLO, zwischen Israel und dem palästinensischen Volk, wurde eine Tatsache. Das war eine Revolution, und dies kann nicht rückgängig gemacht werden.

Heute sagen wir: wir müssen mit der Hamas reden. Die Hamas ist ein integraler Teil der palästinensischen Realität. Selbst diese Idee wird immer mehr anerkannt.

Was für einen Aufruhr entfachten wir damals, als wir sagten, Jerusalem müsse die Hauptstadt der zwei Staaten werden! Heute weiß fast jeder, dass dies geschehen muss, dass es geschehen wird.

Ich habe diesem Kampf 60 Jahre meines Lebens gewidmet – und dieser Kampf ist noch in vollem Schwange. Wir haben die Idee von Großisrael besiegt und bringen die Alternative der zwei Staaten voran, die in Israel und in aller Welt inzwischen überzeugend klingt. Sogar so weitgehend überzeugend, dass diejenigen in den aufeinander folgenden israelischen Regierungen, die dieser Idee gegenüber gegnerisch eingestellt sind, nun gezwungen sind, so zu tun, als würden sie sie unterstützen, um Stimmen im Wahlkampf zu gewinnen.

Denken Sie daran, wenn sie verzweifelt sind. Schauen sie sich das ganze Bild an und nicht nur das naheliegendste Puzzleteil.


ABER WIE groß auch unser Sieg sein mag, so groß ist auch unser Scheitern.
Man muss nur auf diese kommenden Wahlen blicken: die drei großen Parteien benutzen fast dieselbe Ausdrucksweise, und keine von ihnen stellt einen Friedensplan auf.

Es gibt noch kleine Parteien, die gute und aufrichtige Dinge sagen, aber genau zu diesem Zeitpunkt brauchen wir einfach mehr. Was uns fehlt, ist eine große politische Macht, die bereit ist, Frieden zu schließen.

Es ist ziemlich klar, dass die Ergebnisse der bevorstehenden Wahlen schlecht sein werden, und die einzige Frage ist die, ob sie nur schlecht oder sehr schlecht oder sogar noch schlimmer sein werden.

Warum geschieht dies? Dafür gibt es viele Gründe, viele Vorwände. Wir kritisieren – zu Recht - viele Dinge: die Medien, das Bildungssystem, alle unsere aufeinander folgenden Regierungen, den Präsidenten der USA und alle Welt.

Aber eines vermisse ich – die Selbstkritik.

Mein Vater pflegte zu sagen: wenn die Situation schlecht ist, frage als erstes dich selbst, ob du in Ordnung bist. Also frage ich mich. Bin ich in Ordnung? Sind wir in Ordnung?

Doch, wir haben die richtigen Ideen geäußert. Unsere Ideen haben den Sieg errungen, aber haben wir alles getan, um auf dem politischen Schlachtfeld diese Ideen in die Praxis umzusetzen?

Politik ist eine Sache von Macht. Was haben wir getan, um eine progressive politische Macht in Israel zu schaffen? Wie konnte es geschehen, dass die Linke, das Friedenslager, fast von der politischen Bildfläche verschwunden ist? Warum haben wir keine politische Macht, warum haben wir nicht einmal eine Zeitung, ein Radio oder eine Fernsehstation? Wie hat die israelische Linke innerhalb der letzten Generation all ihre Machtpositionen verlieren können?

Wir im Friedenslager haben wunderbare Männer und Frauen, die sich jede Woche der Armee beim Kampf gegen die Mauer entgegenstellen, die die Checkpoints beobachten, die sich weigern, sich der Besatzungsarmee anzuschließen, die auf vielerlei Weisen gegen die Besatzung kämpfen. Viele von uns in jedem Alter nehmen an diesen Aktionen teil.

Doch während wir stehen und protestieren, eilen die Siedler voran. Noch eine Ziege, noch einen Quadratmeter, noch einen Hügel und noch einen Außenposten. Manchmal habe auch ich das Gefühl, dass die Hunde bellen und die Karawane weiterzieht – und ich bin nicht bereit, der Hund in dieser Analogie zu sein. Wir sind hinter den Moskitos her, aber der Sumpf, aus dem die Moskitos kommen, wird größer und größer.

Der Sumpf ist politisch. Nur eine politische Macht kann ihn trockenlegen. Mit andern Worten: nur eine Macht kann sich mit den herrschenden Mächten anlegen, und die Entscheidungen der Regierung und der Knesset beeinflussen.

Das ist ein historisches Versagen – und wir tragen die Verantwortung dafür.


WENN ES mir erlaubt ist, einen Geburtstagwunsch zu äußern: ich wünsche mir, dass wir am Tag nach den Wahlen über die nächsten Wahlen nachzudenken beginnen.
Wir müssen auf eine neue Weise nachdenken. Von Grund auf neu. Wir müssen alles prüfen, was wir bis jetzt gemacht haben, und herausfinden, wo wir einen falschen Weg eingeschlagen haben.

Warum gelang es uns nicht, viele der jungen Leute zu überzeugen, die Leute aus der orientalisch-jüdischen Gemeinde, die Immigranten aus Russland, die arabische Gemeinschaft in Israel oder die aus dem moderaten religiösen Sektor, warum konnten wir sie nicht davon überzeugen, dass es jemand gibt, mit dem wir Friedensgespräche führen können, dass es möglich ist, einen Wechsel herbeizuführen, ja, dass wir es tatsächlich können!
Warum gelang es uns nicht, die Herzen der jungen Generation zu erreichen, die von den Politikern angeekelt sind – und von der Politik, so wie sie sie bisher kennen gelernt haben?

Was dringend nötig ist, ist etwas vollkommen Neues, geradezu ein neuer Schöpfungsakt. Ich möchte sagen: wir müssen den Boden für einen israelischen Obama vorbereiten.

Obama bedeutet: ein Licht der Hoffnung anzuzünden, wo keine Hoffnung mehr ist. Eine grundlegende Veränderung zu fordern und davon überzeugt zu sein, dass es möglich ist, diesen Wechsel herbeizuführen. Den Enthusiasmus der Massen junger Leute für eine Botschaft zu entzünden, die das Herz berührt, eine Botschaft, die das Ende der Besatzung fordert, eine Botschaft der sozialen Gerechtigkeit, der Sorge für unseren Planeten. Die Sehnsucht nach einem anderen System – säkular, gerecht, anständig, friedensuchend.

Die neue Botschaft muss das Herz und den Verstand ansprechen, die Emotionen ansprechen und eben nicht nur den Intellekt. Sie muss wieder den Idealismus erwecken, der sich in so vielen Herzen verbirgt und der es nicht wagt, sein Gesicht zu zeigen.

Das große Hindernis für solch eine Explosion ist die Verzweiflung. Es ist viel leichter, viel bequemer zu verzweifeln. Es fordert nichts. Es ist leichter zu sagen, dass alles verloren ist; dass sie unseren Staat gestohlen haben. Aber Pessimismus bringt – wie bekannt sein dürfte – nichts Neues hervor. Er führt nur zu innerer und äußerer Emigration.

Ich weigere mich, pessimistisch zu sein: ich habe in meinen 85 Jahren zu viel überraschende, wunderbare, unerwartete Dinge gesehen – im guten wie im bösen Sinne – um nicht an Unerwartetes zu glauben. Mit Obama hat keiner gerechnet – doch es geschah vor unsern Augen. Der Fall der Berliner Mauer war völlig unerwartet, und keiner hätte es sich nur wenige Augenblicke, bevor es geschah, vorstellen können. Sogar der Sieg der Grünen bei den Gemeindewahlen in Tel Aviv vor kurzem war so etwas.


ICH MÖCHTE vorschlagen, dass der Anfang neuer Bemühungen einen Tag nach den Wahlen beginnt. Ich würde am liebsten vorschlagen, dass sich die Intellektuellen und die Friedensaktivisten, die sozialen Aktivisten und die Kämpfer für die Umwelt versammeln und anfangen, gemeinsam nachzudenken, um das israelische Wunder zu bewirken.

Ich wünsche mir einen großen Kongress all jener, die einen Wechsel wollen, eine Art Sanhedrin für Friedens- und Menschenrechtsaktivisten, eine Art alternative Knesset.

Vom Gipfel meiner 85 Jahre möchte ich all jenen zurufen, denen unsere Zukunft am Herzen liegt, Juden und Arabern und besonders den jungen Leuten, sich in Bewegung zu setzen, um mit gemeinsamen Anstrengungen den Boden für eine große Veränderung, für das andere Israel, für einen Staat vorzubereiten, in dem es Spaß macht zu leben, ein Israel, auf das wir stolz sein können.

Das ist kein Spiel, das zwischen bestehenden Organisationen gespielt werden kann, was es braucht, ist eine vollkommen neue politische Schöpfung, die eine neue Sprache sprechen wird, die eine neue Botschaft bringen wird.

Ich bin davon überzeugt, dass dies geschehen wird, wenn nicht morgen, dann eben übermorgen. Für mich selbst und für alle, die hier im Saal anwesend sind, wünsche ich, dass wir das noch mit unsern eigenen Augen sehen, dass wir Partner sein werden, dass wir sagen werden können: es ist uns gelungen, den Staat guten Händen zu übergeben.


UND JETZT möchte ich euch, meinen Freunden, noch meinen herzlichen Dank ausdrücken, dass ihr gekommen seid, um meinen Geburtstag mit einem Austausch von Meinungen zu begehen, und Themen zu debattieren, die für uns alle so wichtig sind.

Herzlichen Dank auch den Moderatoren und den Referenten, die die Themen für uns offengelegt haben; den Organisatoren dieser wunderbaren Veranstaltung, den Mitgliedern von Gush Shalom, die es möglich machten. Danke Euch allen, die ihr hier von nah und fern gekommen seid, und danke für alle guten Wünsche, mit denen ihr mich überschüttet habt.

Ich hätte mir keinen erfreulicheren und spannenderen Geburtstag wünschen können. Danke.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, Christoph Glanz, vom Verfasser autorisiert)



PS noch etwas Aktuelles von Gush Shalom

Kurz bevor wir dies auf Englisch hinaussandten, nahmen wir noch an einer nahen, spontanen Protestdemo gegen das Blutbad in Gaza teil. Mindestens 1000 Aktivisten, durch eine hektische Email/ Telefon/ SMS-Aktion zusammengerufen, gingen wir durch die Straßen Tel Avivs, von berittener Polizei behindert. Fünf junge Aktivisten wurden verhaftet. Das Verteidigungsministerium war unser Ziel, wo Olmert gerade eine Pressekonferenz hielt ….
(dt. Ellen Rohlfs)


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