Der Frieden zwischen Israel und Palästina ist möglich !!

Uri Avnery vertritt seit 1948 die Idee des israelisch-palästinensischen Friedens und die Koexistenz zweier Staaten: des Staates Israel und des Staates Palästina, mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt. Uri Avnery schuf eine Weltsensation, als er mitten im Libanonkrieg (1982) die Front überquerte und sich als erster Israeli mit Jassir Arafat traf. Er stellte schon 1974 die ersten geheimen Kontakte mit der PLO-Führung her.

  • Uri Avnery trifft Jassir Arafat - Foto Uri Avnery 1982

  • Festakt zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille 2008 der Internationalen Liga für Menschenrechte. Von links nach rechts: Mohammed Khatib & Abdallah Aburama (Bürgerkomitee von Bil'in), Rachel Avnery, Fanny-Michaela Reisin (Präsidentin der Liga), Uri Avnery, Adi Winter & Yossi Bartal (Anarchists against the wall) - Foto Michael F. Mehnert CC BY-SA 3.0

  • Bild Interview Sternenjaeger.ch Copyright 2012 - sternenjaeger.ch

Texte von Uri Avnery

Dec 9, 2017

Von Barak bis Trump


Uri Avnery, 9.Dezember 2017

 

EHUD BARAK hat „das Schweigen gebrochen“. Er hat in der New York Times einen Artikel veröffentlicht, der unsern Ministerpräsidenten mit den aggressivsten Ausdrücken angreift, mit andern Worten hat er genau dasselbe getan wie die Gruppe ehemaliger Soldaten, die sich selbst „Breaking the Silence“ nennen und die angeklagt werden, unsere schmutzige Wäsche im Ausland zu waschen. Sie decken Kriegsverbrechen auf, von denen sie Zeugen gewesen oder an denen sie selbst Teilnehmer waren.

 

Doch abgesehen von dem Angriff auf Benjamin Netanjahu, hat Barak den Artikel dazu benützt, seinen Friedensplan zu veröffentlichen. Als früherer Stabschef der israelischen Armee und früherer Ministerpräsident ist Barak offensichtlich dabei, ein Come-back zu planen, und sein Friedensplan ist ein Teil seiner Bemühungen. Dies scheint irgendwie eine offene Saison für Friedenspläne in unserer Region zu sein.

 

Ich respektiere die Intelligenz von Barak. Vor vielen Jahren, als er noch vertretender Stabschef war, lud er mich unerwartet zu einem Gespräch ein. Wir diskutierten über die Militärgeschichte des 17. Jahrhunderts (Militärgeschichte ist ein altes Hobby von mir). und mir wurde bald klar, dass er darin ein wirklicher Experte war. Ich freute mich sehr darüber.

 

An einem Frühlingsabend im Mai 1999 nahm ich an einer riesigen jubelnden Menschenmenge auf Tel Avivs Rabin-Platz teil, nachdem Barak die Knesset-Wahlen gewonnen hatte und Ministerpräsident wurde. Er versprach uns den „Beginn eines neuen Tages“. Insbesondere versprach er uns, mit den Palästinensern Frieden zu schließen.

 

Intellektuell ist Barak allen andern Politikern der israelischen Szene überlegen. Bald danach erschien genau dies, ein Handicap zu sein.

 

Intelligente Leute neigen dazu, arrogant zu sein. Sie verachten Leute mit weniger Verstand. Nachdem er wusste, dass er alle Antworten hatte, verlangte Barak, dass Clinton zu einem Treffen mit Arafat aufrief.

 

Am folgenden Tag sprach ich mit Arafat und fand ihn tief verstört. Nichts ist vorbereitet worden, kein vorheriger Austausch von Ansichten, nichts. Er wollte nicht zu diesem Treffen gehen, von dem er dachte, dass es fehl schlagen würde: er konnte aber eine Einladung des US-Präsidenten nicht ausschlagen.

 

Das Resultat war eine Katastrophe. Barak, selbstsicher wie immer, präsentierte seinen Friedensplan. Dieser war entgegenkommender als jeder frühere israelische Plan, aber noch immer weit entfernt vom palästinensischen Minimum. Das Treffen wurde abgebrochen.

 

Was tut ein Diplomat unter solchen Umständen? Er verkündet, dass man einen fruchtbaren Austausch von Ansichten hatte. Dass man noch kein vollkommenes Abkommen erreicht hat, aber die Verhandlung weitergehen werden und es wird weitere Treffen geben, bis wir ein Abkommen erreichen.

 

Barak sagte dies nicht. Er sagte auch nicht „Tut mir leid, aber ich wusste nichts von der palästinensischen Ansicht; ich werde diese ernsthaft studieren.“

 

Stattdessen kam Barak nach Hause und verkündete, dass Israel die großzügigsten Bedingungen seit je gestellt habe und dass die Palästinenser alles abgewiesen hätten und dass die Palästinenser uns ins Meer werfen wollen, dass wir keinen „Partner für den Frieden haben“.

 

Wenn dies von einem rechten Politiker erklärt worden wäre, würde jeder mit den Schultern gezuckt haben. Da dies aber vom Führer des Friedenslagers kam, war es verheerend. Dies wirkt sich bis auf den heutigen Tag aus.

 

 



HIER KOMMT also Barak, der neue Barak mit einem brandneuen Friedensplan. Was sagt er? Er schreibt, das Ziel ist „Trennung“ von den Palästinensern. Nicht Frieden, keine Zusammenarbeit, nur Trennung. Um sie los werden. „Frieden“ ist jetzt nicht populär.

 

Welche Trennung? Israel wird dann die neuen jüdischen Viertel in Ost-Jerusalem annektieren und die „Siedlungsblöcke“ - die Häufung jüdischer Siedlungen jenseits der Grünen Linie aber nahe dran. Er ist mit „Landtausch“ einverstanden. Und dann kommt die Hauptsache: „die allgemeine Sicherheits-Verantwortung in der Westbank wird so lange wie nötig in den Händen der IDF liegen“.

 

Und die traurige Schlussfolgerung: „selbst wenn es nicht möglich ist, den israelisch-palästinensischen Konflikt in diesem Stadium zu lösen - und wahrscheinlich ist er es nicht …“

 

Falls es einen Palästinenser gibt, der diese Bedingungen akzeptieren würde, würde es mich überraschen. Doch Barak – kümmerte sich weder damals noch heute um die Ansichten und Gefühle der Palästinenser. Genau wie Netanjahu, der wenigstens den Anstand hat, keinen solchen „Friedensplan“ vorzuschlagen. Und wie Trump.

 

DONALD TRUMP ist kein Genie wie Barak, er hat aber auch einen Friedensplan.

 

Eine Gruppe von Juden des rechten Flügels, einschließlich seinem Schwiegersohn (auch er kein Genie), haben an diesem seit Monaten gearbeitet. Er hat ihn Mahmoud Abbas, Arafats Nachfolger, dem neuen Saudi Kronprinzen und anderen arabischen Prinzen vorgeschlagen. Er scheint, einen palästinensischen Staat vorzusehen, der aus mehreren kleinen isolierten Teilen der Westbank besteht – ohne Jerusalem und ohne eine Armee.

 

Das ist reiner Wahnsinn. Kein einziger Palästinenser und kein einziger anderer Araber würde dies akzeptieren. Was noch schlimmer ist, jeder, der solch eine Karikatur eines Staates vorschlägt, verrät größte Ignoranz.

 

Hier liegt das wirkliche Problem: es ist viel schlimmer, als es nicht zu wissen. Es ist eine bodenlose Verachtung der Palästinenser und der Araber im Allgemeinen, eine grundsätzliche Überzeugung, dass ihre Gefühle, falls sie welche haben, überhaupt nicht interessieren. Dies ist ein Überbleibsel aus den kolonialen Zeiten.

 

Die Palästinenser und die Araber im Allgemeinen haben tiefe Gefühle und Überzeugungen. Sie sind ein stolzes Volk. Sie erinnern sich an Zeiten, als die Muslime unvergleichlich fortgeschrittener waren als die barbarischen Europäer. Vom US-Präsidenten und seinem jüdischen Gefolge wie Dreck behandelt zu werden, verletzt sie tief und kann zu einem Aufstand in unserer Region führen, den kein arabischer Prinz, der von den US angeworben wurde, kontrollieren kann.

 

DIES BETRIFFT besonders Jerusalem. Für Muslime ist dies nicht nur eine Stadt. Es ist ihre drittheiligste Stätte, der Ort, von dem der Prophet - Friede sei mit ihm - gen Himmel aufgefahren ist. Jerusalem aufzugeben, ist für einen Muslim unvorstellbar.

 

Die letzten Entscheidungen von Trump , Jerusalem betreffend, sind - um es milde auszudrücken – idiotisch. Die Araber sind wütend; den Israelis ist es egal. Amerikas arabische Marionetten, Prinzen und alle sind tief beunruhigt. Wenn Aufstände ausbrechen, können sie weggefegt werden.

 

Und wofür? Wegen einer Schlagzeile in den Abendzeitungen?

 

Es gibt kein Thema in unserer Region und vielleicht in der Welt – das empfindlicher ist. Jerusalem ist drei Weltreligionen heilig und mit Heiligkeit kann nicht diskutiert werden.

 

In der Vergangenheit habe ich diesem Projekt viele Gedanken gewidmet. Ich liebe Jerusalem (Im Gegensatz zum Gründer des Zionismus, Theodor Herzl, der vom damaligen Jerusalem angeekelt war und es in Eile nach einer Nacht verlassen hat). Die frühen Zionisten liebten die Stadt auch nicht - sie war ein Symbol für alles, was im Judentum falsch und widerlich war.

 

Vor etwa 20 Jahren verfasste ich zusammen mit meinem verstorbenen Freund Faisal al-Husseini, dem Führer von Jerusalems Arabern und den Nachkommen ihrer vornehmsten Familie ein Manifest. Hunderte von Israelis und Palästinensern unterzeichneten es.

 

Seine Titelzeile lautete „Unser Jerusalem“. Es begann mit den Worten; „Jerusalem gehört uns, Israelis und Palästinensern, Muslimen, Christen und Juden.“

 

Weiter: „Unser Jerusalem ist ein Mosaik aller Kulturen, aller Religionen und aller Perioden, die die Stadt bereicherten, vom frühesten Altertum bis zum heutigen Tag: Kanaaniter, Jebusiter und Israeliten, Juden und Hellenen, Römer und Byzantiner, Christen und Muslime, Araber und Mameluken, Osmanen und Briten, Palästinenser und Israelis.

 

„Unser Jerusalem muss vereinigt bleiben, für alle offen sein und allen seinen Bewohnern gehören, ohne Grenzen und ohne Stacheldraht in seiner Mitte.

 

Und die praktische Schlussfolgerung: „Unser Jerusalem muss die Hauptstadt der beiden Staaten sein, die nebeneinander, Seite an Seite in diesem Land leben werden – West-Jerusalem, die Hauptstadt des Staates Israel und Ost-Jerusalem, die Hauptstadt von Palästina.“

 

Ich wünschte, ich könnte dieses Manifest an die Tore des Weißen Hauses nageln.

 

(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 



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