Der Frieden zwischen Israel und Palästina ist möglich !!

Uri Avnery vertritt seit 1948 die Idee des israelisch-palästinensischen Friedens und die Koexistenz zweier Staaten: des Staates Israel und des Staates Palästina, mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt. Uri Avnery schuf eine Weltsensation, als er mitten im Libanonkrieg (1982) die Front überquerte und sich als erster Israeli mit Jassir Arafat traf. Er stellte schon 1974 die ersten geheimen Kontakte mit der PLO-Führung her.

  • Uri Avnery trifft Jassir Arafat - Foto Uri Avnery 1982

  • Festakt zur Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille 2008 der Internationalen Liga für Menschenrechte. Von links nach rechts: Mohammed Khatib & Abdallah Aburama (Bürgerkomitee von Bil'in), Rachel Avnery, Fanny-Michaela Reisin (Präsidentin der Liga), Uri Avnery, Adi Winter & Yossi Bartal (Anarchists against the wall) - Foto Michael F. Mehnert CC BY-SA 3.0

  • Bild Interview Sternenjaeger.ch Copyright 2012 - sternenjaeger.ch

Texte von Uri Avnery

Jun 19, 2010

Der Blitz


Seit Jahren sieht die Welt den Staat Israel täglich auf den Fernsehschirmen und auf den Titelseiten im Bild schwer bewaffneter Soldaten, die auf Steine werfende Kinder schießen, Kanonen, die Phosphorgranaten auf Wohngebiete werfen, Hubschrauber, die „gezielte Tötungen“ ausführen und jetzt Piraten, die zivile Schiffe auf hoher See angreifen. Entsetzte Frauen mit verletzten Babys im Arm Männer mit amputierten Gliedern, zerstörte Wohnhäuser. Wenn man hundert Bilder wie diese sieht, die ein anderes Israel zeigen, wird Israel ein Monster. Um so mehr, da die israelische Propaganda erfolgreich jede Nachricht über das israelische Friedenslager unterdrückt.


Der Blitz

 

Uri Avnery

 

ES IST NACHT. Tiefste Finsternis. Schwerer Regen. Die Sicht ist gleich Null.

 

Und plötzlich – ein Blitz. Für einen Bruchteil einer Sekunde wird die Landschaft erleuchtet. In diesem Bruchteil einer Sekunde kann die Landschaft um uns herum gesehen werden. Sie ist nicht mehr so wie gewohnt.

 

 

DIE AKTION unserer Regierung gegen die Gaza-Hilfsflotte war solch ein Blitz.

 

Israelis leben normalerweise in Dunkelheit soweit es die Welt betrifft. Aber für den Bruchteil eines Augenblicks konnte die Landschaft rund um uns gesehen werden – und sie sieht erschreckend aus. Dann senkte sich die Dunkelheit wieder über uns und Israel kehrte in seine Seifenblase zurück; die Welt verschwand vor ihren Blicken.

 

Dieser Bruchteil einer Sekunde war genug, um ein bedrückendes Bild zu zeigen. An fast allen Fronten hat sich seit dem letzten Blitz die Situation des Staates Israel verschlechtert.

 

Die Flotilla und der Angriff auf sie hat nicht diese Landschaft geschaffen. Sie war vorhanden, seit unsere gegenwärtige Regierung im Amt ist. Aber die Verschlechterung begann nicht einmal dann. Sie hat vor langer Zeit begonnen.

 

Die Aktion von Ehud Barak & Co hat die Situation nur beleuchtet, wie sie jetzt ist und gab ihr noch einen Stoß in die falsche Richtung.

 

Wie sieht die neue Landschaft im Lichte von Baraks Blitz aus ? („Barak“ bedeutet im Hebräischen „Blitz“).

 

 

AM ANFANG der Liste steht die Tatsache, die anscheinend keiner bis jetzt bemerkt hat: der Tod des Holocausts.

 

In all dem Tumult, den diese Affäre in aller Welt verursacht hat, wurde der Holocaust nicht einmal erwähnt. In Israel gab es zwar einige, die Recep Tayyib Erdogan „ ein neuer Hitler“ nannten, und einige Israelhasser sprachen über den Nazi-Angriff, aber der Holocaust ist praktisch verschwunden.

 

Seit zwei Generationen gebrauchte unsere Außenpolitik den Holocaust als ihr Hauptinstrument. Das schlechte Gewissen der Welt bestimmte die Haltung gegenüber Israel. Die (berechtigten) Schuldgefühle – für die begangenen Unmenschlichkeiten oder für das Wegsehen - haben Europa und Amerika veranlasst, Israel anders zu behandeln als jede andere Nation, von der nuklearen Bewaffnung bis zu den Siedlungen. Alle Kritik unserer Regierungshandlungen wurden automatisch als Antisemitismus gebrandmarkt und zum Schweigen gebracht.

 

Aber die Zeiten ändern sich. Neue Tragödien haben die Sinne der Welt abgestumpft. Für die neue Generation ist der Holocaust ferne Vergangenheit, ein Kapitel der Geschichte. Das Schuldgefühl ist in allen Ländern verschwunden, außer in Deutschland.

 

Die israelische Öffentlichkeit bemerkte dies nicht, weil in Israel die Shoa lebt und gegenwärtig ist. Viele Israelis sind Kinder und Enkel von Holocaustüberlebenden, und der Holocaust hat sich ihnen in der Kindheit eingeprägt. Außerdem sorgt ein riesiger Apparat dafür, dass der Holocaust nicht aus unserm Gedächtnis verschwindet: es beginnt im Kindergarten durch Zeremonien und Gedenktage bis zu organisierten Reisen „dorthin“.

 

Deshalb ist die israelische Öffentlichkeit darüber erschrocken, wie der Holocaust seine Macht als politisches Instrument verloren hat. Unsere wertvollste Waffe ist stumpf geworden.

 

 

DER STÜTZPFEILER unserer Politik ist das Bündnis mit den USA. Um einen beliebten Ausdruck Binyamin Netanyahus zu verwenden – wenn auch in anderem Kontext – sind die USA „der Fels unserer Existenz“.

 

Viele Jahre lang hat uns dieses Bündnis für alle Unannehmlichkeiten immun gemacht. Wir wussten, dass wir alles von den USA bekommen konnten, was wir benötigten: Waffen, um unsere Überlegenheit über alle arabischen Armeen aufrecht zu erhalten, Munition in Kriegszeiten, Geld für unsere Wirtschaft, das Veto bei allen UN-Resolutionen, die gegen uns gerichtet waren, automatische Unterstützung für alle Aktionen unserer Regierungen. Jedes kleine oder größere Land in der Welt wusste, dass man den israelischen Türhüter bestechen musste, um Zutritt zu den Palästen in Washington zu kommen.

 

Aber während des letzten Jahres hat dieser Pfeiler Risse bekommen. Nicht die kleinen Kratzer und Splitter der Abnützung, sondern Risse, die durch Verschiebungen im Untergrund verursacht werden. Die gegenseitige Aversion zwischen Barack Obama und Binyamin Netanyahu ist nur das eine Symptom eines tiefer liegenden Problems.

 

Der Chef des Mossad sagte letzte Woche in der Knesset: „Für die US haben wir aufgehört, ein Aktivposten zu sein und sind zur Last geworden.“

 

Diese Tatsache wurde von General David Petraeus treffend ausgedrückt, als er sagte, dass der andauernde israelisch-palästinensische Konflikt das Leben der amerikanischen Soldaten im Irak und Afghanistan gefährde. Die späteren beruhigenden Botschaften hoben die Bedeutung dieser Warnung nicht auf. (Als Petraeus bei einer Senatsanhörung in dieser Woche bewusstlos wurde, sahen dies religiöse Juden als göttliche Strafe an.)

 

 

ES IST nicht nur die israelisch-amerikanische Beziehung, die einen schicksalhaften Wandel erfährt, sondern die Haltung der USA selbst verändert sich zum Schlechteren hin – tatsächlich ein böses Omen für die Zukunft der israelischen Politik.

 

Die Welt verändert sich langsam und still. Noch sind die USA bei weitem das mächtigste Land, aber sie sind nicht mehr die allmächtige Supermacht, die sie bis 1989 gewesen sind. China spannt seine Muskeln an, Länder wie Indien und Brasilien werden stärker, Länder wie die Türkei – ja, die Türkei – beginnen, eine Rolle zu spielen.

 

Dies ist keine Angelegenheit von ein oder zwei Jahren. Aber jeder der über die Zukunft Israels in zehn oder zwanzig Jahren nachdenkt, muss verstehen, wenn es keinen grundsätzlichen Wandel unserer Position gibt, wird auch unsere Position abnehmen.

 

 

WENN UNSER Bündnis mit den USA ein Hauptpfeiler der israelischen Politik ist, so ist die Unterstützung des Weltjudentums der zweite Pfeiler.

 

62 Jahre lang konnten wir uns blind auf diesen verlassen. Was immer wir taten – fast alle Juden der Welt standen in Habachtstellung und salutierten. Ob in Feuer- oder Wassernot, bei Sieg oder Niederlage, in hellen oder dunklen Tagen – die Juden der Welt unterstützten uns, gaben Geld, demonstrierten, setzten ihre Regierungen unter Druck – ohne einen Hintergedanken, ohne Kritik.

 

Nicht mehr. Fast ganz still erscheinen nun auch in diesem Pfeiler Risse. Wichtige Umfragen zeigen, dass die meisten amerikanischen, jungen jüdischen Leute sich von Israel abwenden. Nicht dass sie ihre Loyalität vom israelischen Establishment zum israelischen liberalen Lager wenden. Sie wenden sich von Israel ganz ab.

 

Das wird nicht unmittelbar empfunden. AIPAK löst weiter Furcht in Washingtoner Herzen aus, der Kongress wird weiter nach seiner Flöte tanzen. Aber wenn die neue Generation Schlüsselpositionen einnehmen wird, wird die Unterstützung für Israel weniger werden. Die amerikanischen Politiker werden aufhören, auf dem Bauch zu kriechen und die US-Regierung wird nach und nach seine Beziehungen mit uns verändern.

 

 

AUCH IN unserer unmittelbaren Nachbarschaft sind weitreichende Veränderungen im Gange, einige unter der Oberfläche. Der Flotilla-Vorfall hat dies deutlich gemacht.

 

Der Einfluss unserer Verbündeten nimmt ständig ab. Er verliert an Stärke, und eine alt-neue Macht kommt wieder hoch: die Türkei.

 

Hosny Mubarak ist damit beschäftigt, die Macht seinem Sohn Gamal weiterzugeben. Die islamische Opposition in Ägypten hebt ihren Kopf. Das Saudi-Geld wird übertrumpft von der neuen Attraktion der Türkei. Der jordanische König wird gezwungen, sich anzupassen. Die Achse der Türkei-Iran-Syrien-Hisbollah-Hamas gewinnt an Macht. Die Achse Ägypten-Saudi-Arabien-Jordanien-Fatah verliert an Macht.

 

 

ABER DER bedeutendste Wandel ist derjenige, der in der internationalen öffentlichen Meinung stattfindet. Jeder, der das verachtet, sollte sich an Stalins berühmte spöttische Bemerkung erinnern: „Wie viele Divisionen hat der Papst?“

 

Vor kurzem zeigte eine israelische TV-Station einen faszinierenden Film über deutsche und skandinavische weibliche Freiwillige, die in den 50er und 60erJahren nach Israel strömten, um in den Kibbuzim zu arbeiten und manchmal auch zu heiraten. Israel wurde damals als eine tapfere, kleine Nation angesehen, die von hasserfüllten Feinden umgeben war, ein Staat, der sich aus der Asche des Holocaust erhob, um ein Bollwerk für Freiheit, Gleichheit und Demokratie zu werden, was seinen vollendetsten Ausdruck in jener einzigartigen Schöpfung, dem Kibbuz, fand.

 

Die heutige Generation der idealistischen Jugendlichen aus aller Welt, junge Männer und Frauen, die einst in den Kibbuzim freiwillig arbeiteten, können jetzt auf den Decks der Schiffe gefunden werden, die zum unterdrückten, erstickten und halb verhungerten Gazastreifen segeln, das die Herzen vieler junger Leute berührt. Der israelische David hat sich in den israelischen Goliath verwandelt.

 

Selbst ein Propagandagenie könnte dies nicht verändern. Seit Jahren sieht die Welt den Staat Israel täglich auf den Fernsehschirmen und auf den Titelseiten im Bild schwer bewaffneter Soldaten, die auf Steine werfende Kinder schießen, Kanonen, die Phosphorgranaten auf Wohngebiete werfen, Hubschrauber, die „gezielte Tötungen“ ausführen und jetzt Piraten, die zivile Schiffe auf hoher See angreifen. Entsetzte Frauen mit verletzten Babys im Arm Männer mit amputierten Gliedern, zerstörte Wohnhäuser. Wenn man hundert Bilder wie diese sieht, die ein anderes Israel zeigen, wird Israel ein Monster. Um so mehr, da die israelische Propaganda erfolgreich jede Nachricht über das israelische Friedenslager unterdrückt.

 

 

VOR VIELEN Jahren, als ich die Sucht unserer Politiker und Generäle, Gewalt anzuwenden, lächerlich machen wollte, paraphrasierte ich ein Sprichwort, das jüdische Weisheit reflektiert: „Wenn es nicht mit Gewalt geht, benütze das Gehirn.“ Um zu zeigen, wie groß der Unterschied zwischen uns, den Israelis, und den Juden ist, veränderte ich die Wörter: „Wenn es nicht mit Gewalt geht, verwende mehr Gewalt.“

 

Für mich war das ein Scherz. Aber dies passiert vielen Scherzen in unserm Land: sie werden Realität. Es ist jetzt das Glaubensbekenntnis von vielen primitiven Israelis, an deren Spitze Ehud Barak steht.

 

In der Praxis hängt die Sicherheit eines Staates von vielen Faktoren ab, und die militärische Macht ist nur einer von vielen. Auf die Dauer ist die öffentliche Meinung der Welt stärker. Der Papst hat viele Divisionen.

 

In vieler Hinsicht ist Israel noch immer ein starkes Land. Aber wie der plötzliche Blitz der Flotilla-Affäre gezeigt hat, arbeitet die Zeit nicht zu unsern Gunsten. Wir sollten unsere Wurzeln in der Welt und der Region tiefer setzen – das bedeutet Frieden machen – solange wir so stark wie jetzt sind.

 

Wenn Gewalt nichts bewirkt, wird auch noch mehr Gewalt nicht mehr erreichen.

 

Wenn Gewalt nichts bewirkt, wird Gewalt nichts erreichen. Punkt.

 

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

 



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